Björn Lengwenus

„Schulen zu Bildungspalästen machen“

Das ist der Antrieb von Schulleiter Björn Lengwenus. Dabei setzt er auf unkonventionelle Methoden.

"Schulen zu Bildungspalästen machen"

Wie lässt sich das kreative Potential von Kindern und Jugendlichen in der Schule freisetzen? Björn Lengwenus, Schulleiter in Hamburg und in der Corona-Krise berühmt geworden, hat dazu viele Ideen. Von einigen erzählte er im Rahmen der 8. Ausgabe von „Neugier: die digitalen Q&As“.

Ein Schulleiter als Moderator einer Late-Night-Show – das hat es in Deutschland wohl noch nie gegeben. Doch als die Schultore in Deutschland wegen der Corona-Pandemie schlossen, eröffnete Björn Lengwenus kurzerhand ein Studio in der Hamburger Stadtteilschule Alter Teichweg. Im „normalen Leben“ leitet Lengwenus die Schule, aber besondere Situationen erfordern nun einmal besondere Maßnahmen, findet er. Also schnappten sich er sowie Kolleginnen und Kollegen Material aus dem Baumarkt und bauten die Aula zum Studio um. „Der Digitalunterricht hat bei uns gut geklappt, aber es fehlte das Gefühl, eine große Gemeinschaft zu sein“, erzählt Lengwenus. Mit der Late-Night-Show, übertragen auf YouTube, wollte er eine Art „digitalen Pausenhof“ erschaffen. Die Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium machten mit, indem sie zahlreiche Beiträge schufen, die dann alle von zu Hause aus anschauen konnten. Bald kamen Promis wie Johannes B. Kerner hinzu – und die Show wurde selbst berühmt. Zahlreiche Medien berichteten, es gab sogar einen Preis der „Goldenen Kamera“.

SCHULE SOLLTE MEHR SEIN, ALS ENGLISCH UND MATHE PAUKEN

Aber Lengwenus ging es nicht um den Ruhm, sondern darum, dass seine Schule auch während der Pandemie nicht das verliert, was sie ausmacht. „Schule ist für mich nicht nur dazu da, Englisch oder Mathe beizubringen“, sagt Lengwenus. Die Schule sollte für die Schülerinnen und Schüler ein „guter Ort“ sein, an dem sie gern sind. Und ein Ort, wo sie ihre Kreativität ausleben können. „Das entfaltet sich am besten im Miteinander, über das soziale Agieren und die Kommunikation untereinander.“ Nicht umsonst laute das Motto der Schule „Be part“, also so etwas wie „sei dabei“. 

Diversität nicht als Last, sondern als Schatz

Dafür würden wohl viele gerade an dieser Schule die Bedingungen auch außerhalb von Corona als besonders schwierig ansehen: Die Schule Alter Teichweg, die von der Vorklasse bis zum Abitur führt, liegt mitten in einem sozialen Brennpunkt. 1.600 Schülerinnen und Schüler aus 80 Nationen kommen jeden Morgen in die Klassen, ein Drittel von ihnen lebt von Sozialleistungen. Gleichzeitig setzte die Schule als eine der ersten in Hamburg Inklusion um und bereitet als „Eliteschule des Sports“ Athletinnen und Athleten auf Weltmeisterschaften und Olympia vor. Wie schafft man es, diesen höchst verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden? Für Björn Lengwenus liegt die Antwort auf der Hand: „Wir wollen es genau so und nicht anders. Denn diese Diversität ist für uns ein Schatz.“ 

Weniger Verkopftheit und mehr Spiel

Doch um diesen zu heben, da ist sich Lengwenus sicher, braucht es manchmal ungewöhnliche Methoden. „Wir müssen den Schülerinnen und Schülern zeigen: Es gibt eine Vision für dein Leben – und wir suchen etwas für dich, was für dich wichtig ist.“ Dafür lässt er seine Schützlinge schon einmal eine „Mission Impossible“ meistern, bei der Neuntklässler von Hamburg bis an die Ostsee laufen sollen – und sich ohne Geld jeden Abend eine Unterbringung organisieren müssen. Er hat das Unterrichtsfach „LebensART“ eingeführt, dessen Teil es sein kann, in eine Riesenpfütze zu springen. Damit will Lengwenus weniger Verkopftheit und mehr Spiel ins Lernen bringen: „Spielen ist extrem wichtig. Wir lernen alles spielerisch bis … – ja, bis wir in die Schule kommen. Dann gilt Spielen auf einmal als Gegenteil von Bildung. Warum eigentlich?“ Dabei würde Spielen bedeuten, Freiräume und Freiheiten zu haben, Dinge auszuprobieren und damit Neues entstehen zu lassen. Das scheint Lengwenus für sich selbst als Schulleiter verinnerlicht zu haben. Und er ist überzeugt: „Wenn wir es schaffen, Lernen und Kreativität zu verbinden, können wir die Schulen zu Palästen der Bildung machen.“ 

Teaserliste (Story, Magazin) 2406