Johannes Vogel

„Citizen Science: Koproduktion für eine bessere Welt!“

Laien sollten mehr forschen, findet Prof. Johannes Vogel, Ph.D.

„Citizen Science: Koproduktion für eine bessere Welt!"

Bürgerinnen und Bürger, die in ihrer Freizeit forschen und so die Wissenschaft unterstützen – daraus ist die Citizen-Science-Bewegung entstanden. Professor Johannes Vogel, Leiter des Museums für Naturkunde in Berlin, erhofft sich dabei eine Synthese des Wissens zum Wohle aller. Wie das funktionieren kann, erläuterte er im Rahmen der mittlerweile 9. Ausgabe von „Neugier: die digitalen Q&As“.

Wenn Professor Johannes Vogel erklären soll, welchen Beitrag Bürgerinnen und Bürger ohne Vorkenntnisse zur Wissenschaft beitragen können, hält er ein Buch in die Höhe: „Die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin, vielleicht das wichtigste Werk in der Geschichte der Naturwissenschaften. Darwin habe für seine Forschungen zahlreiche Laien ausgefragt, erläutert Vogel. Etwa Tauben- und Katzenzüchter, die ihm ihre Erkenntnisse über die Evolution weitergegeben haben. „Da kann man sehen, wie Amateurwissenschaft die Welt verändern kann“, sagt Vogel.

Wissenschaft den Menschen näherzubringen, dieser Aufgabe geht der Biologe seit Jahrzehnten mit Leidenschaft nach. Seit 2013 leitet er das Museum für Naturkunde in Berlin. Doch mindestens genauso wichtig ist es ihm, zu vermitteln, dass Wissenschaft auf die Hilfe der Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist – ja, ohne sie kaum möglich ist. Vogel gilt in Deutschland als einer der Hauptunterstützer der Citizen-Science-Bewegung. Damit sind Menschen gemeint, die in ihrer Freizeit die Welt um sie herum erforschen. Sie streifen durch Wälder, um seltene Vögel zu beobachten, klassifizieren Fotos von Galaxien oder zählen am Nummernschild ihres Autos, wie viele Insekten dort verendet sind. Tatsächlich waren es Hobby-–Insektenforscherinnen und -forscher aus Krefeld, die 2017 erstmals das dramatische Ausmaß des Insektensterbens dokumentieren konnten. Über einen Zeitraum von 27 Jahren hatten sie einen starken Rückgang der Biomasse fliegender Insekten in Naturschutzgebieten nachweisen können.

RÜCKZUG IN DEN ELFENBEINTURM NICHT MEHR ZEITGEMÄß

Oft werden solche Freizeitstudien von der professionellen Wissenschaft belächelt. Für Johannes Vogel ist das nicht nur ein fachlich verengter Blick. „Bis vor 150 Jahren war alle Wissenschaft Freizeitwissenschaft“, sagt er. Natürlich müssten die gesammelten Daten wissenschaftlich überprüft werden. Doch der Rückzug der Forscherinnen und Forscher in die verschiedenen fachlichen Elfenbeintürme sei nicht mehr zeitgemäß: „Die Menschen spüren, dass wir die Herausforderungen der Zukunft nur bewältigen können, wenn wir sie gemeinsam angehen.“

Das sei der Impetus für die Citizen-Science-Bewegung, aber auch von Initiativen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, wie etwa „Fridays For Future“. Daraus erhofft sich der Botaniker eine Synthese aus dem Wissen von Laien auf der einen sowie Expertinnen und Experten auf der anderen Seite – zum Wohle aller. „Citizen Science zeichnet sich wie die etablierte Wissenschaft dadurch aus, dass man gemeinsam arbeitet und Erkenntnisse bündelt“, sagt Vogel. Umso besser, wenn beide Welten sich immer weiter annähern – nicht zuletzt, um die Akzeptanz von Wissenschaft zu fördern. „Was haben wir davon, wenn wir die tollste Autobatterie entwickeln, aber die Menschen sie nicht nutzen wollen, weil ihnen nicht klar ist, warum sie das tun sollten?“, fragt er rhetorisch. Deshalb müsse sich auch die Wissenschaft verändern, mehr mit den Leuten reden, zuhören, was sie bewegt, und daraus dann bessere Produkte und Ideen herstellen. Im besten Fall schwebt Johannes Vogel eine „Koproduktion für eine bessere Welt“ vor.

Denn die Zeit drängt. Wegen des Klimawandels, erläutert Vogel, könne keine Nation der Welt mehr die Grundbedürfnisse des Menschen garantieren: Klimasicherheit, Ernährungssicherheit und Wassersicherheit. Seine eigene Generation habe es sich da im Wohlstand zu bequem gemacht. Nun sei man zwar auf dem richtigen Weg, „aber wir müssen auch endlich einmal anfangen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass auch junge Menschen eine Zukunft haben.“ Optimistisch macht ihn das, was schon zu Darwins Zeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Laien zusammengebracht hat: Die pure Freude, Natur zu erleben, zu entdecken und zu erklären.

Sie möchten bei einem Citizen Science Projekt mitmachen? Informationen zu Projekten zum Mitforschen finden Sie auf der Citizen Science Plattform "Bürger schaffen Wissen".

Aufzeichnung der 9. Ausgabe von Neugier: die digitalen Q&As