Denis Bartelt

Der Überzeugungstäter

von Denis Bartelt, CEO der Crowdfunding-Plattform „Startnext“

Der Überzeugungs-täter

Er steht für eine Generation junger Gründerinnen und Gründer, für die Gewinnmaximierung um jeden Preis keine Option ist. Denis Bartelt gründete „Startnext“, weil er der Überzeugung ist, dass neue Möglichkeiten im digitalen Raum Partizipation und gelebte Demokratie stärken. Crowdfunding ermöglicht die Sichtbarkeit von Ideen und Projekten und erhöht ihre Chancen, dank finanzieller Unterstützung durch viele Menschen realisiert zu werden – und damit auch die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Was ihn sonst noch antreibt, erzählt Denis Bartelt hier.

Warum ich Unternehmen gegründet habe? Sicher nicht, um reich zu werden. Sondern um Chancen zu nutzen, die Welt etwas gerechter zu machen. Auch um Verantwortung zu übernehmen. Ich verstehe mich als Social Entrepreneur oder deutsch Sozialunternehmer. Das sind Menschen, die sich innovativ für einen positiven Wandel der Gesellschaft einsetzen. Der Profitgedanke steht für Social Entrepreneurs im Hintergrund.

Mein erstes Unternehmen habe ich 2003 aus diesem Gefühl heraus initiiert: Ich wollte Ausbildungsplätze erhalten. Damals arbeitete ich angestellt in einer Agentur, die Schiffbruch erlitt. Unsere Abteilung war davon überzeugt, dass unsere Ideen und unser Engagement eine Zukunft haben. Weil auch Studierende im dualen Studium dabei waren, die ihre Ausbildung beenden wollten, habe ich die Software-Agentur tyclipso.net gegründet. Wir waren Pioniere damals, haben intuitiv erfasst, welche Fenster zur Welt sich durch das Internet öffnen, welche Spielräume sich dank digitaler Kommunikation ergeben. „tyclipso“ hat sich am Markt bewährt, begleitet heute Kunden bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Internet.

Denis Bartelt und Tino Kress

Startnext GmbH

2010 haben Tino Keßner und ich dann „Startnext“ gegründet. Die Idee dahinter ist bestechend einfach: Viele Menschen (crowd) finanzieren (fund) gemeinsam eine Idee, ein Projekt oder ein Unternehmen. Die Starterinnen und Starter legen ein „Startnext“-Projekt an und beschreiben ihre Idee in einem Video, mit Bildern und Texten. Sie legen ein Startlevel, eine Laufzeit für die Finanzierungsphase sowie Dankeschöns für die Unterstützerinnen und Unterstützer fest. Alle, die möchten, dass die Idee umgesetzt wird, unterstützen das Projekt während der Finanzierungsphase mit einem freien Betrag oder buchen ein Dankeschön. Wir haben damals beobachtet, dass Gründerinnen und Gründer oder Unternehmerinnen und Unternehmer ebenso wie kreative Menschen vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Es geht um Sichtbarkeit, den Aufbau einer Community, das Einsammeln des erforderlichen Kapitals, aber auch um ehrliches Feedback auf die Produktidee.

Gegenüber US-amerikanischen Plattformen, die es damals schon gab, haben wir uns bewusst in verschiedenen Aspekten unterschieden: Alle Daten unserer Nutzerinnen und Nutzer werden auf deutschen Servern gespeichert. Wir finanzieren uns über eine freiwillige Provision: Startende und Unterstützende bestimmen nach einer erfolgreichen Kampagne selbst, mit welchem Betrag er oder sie uns unterstützt. Bei uns sind etwa 450 Projekte zeitgleich in der Finanzierungsphase, auf US-amerikanischen Plattformen sind es dagegen tausende – die Chance, ein Projekt beim zufälligen Stöbern auf so einer Plattform zu sehen, ist gering. Und wir unterstützen unsere Starterinnen und Starter mit individuellem Feedback, Handbüchern, Beratungen oder Workshops – das erhöht spürbar die Erfolgsquote hinsichtlich finanzierter Projekte.

Wir haben ein Netzwerk geknüpft – digital, agil, offen für Menschen und ihre Ideen.

Die „Startnext“-Community denkt unternehmerisch, stellt aber auch die Wirtschaft auf den Kopf und probiert neue Wege. Sie will kreativ und unternehmerisch Gleichberechtigung, Transparenz und Mut gegen Rassismus, Diskriminierung und Hass stärken. Wie etwa beim Projekt „Quartiermeister – Am Pils der Zeit“: Da hatten die Starterinnen und Starter die Vorstellung, mit jeder Flasche Bier ihre unmittelbare Nachbarschaft zu unterstützen. Inzwischen ist „Quartiermeister“ sowohl Biermarke als auch „Social Business“, bestehend aus einem Unternehmen und einem Verein. Pro verkauftem Liter Bier werden zehn Cent an soziale Projekte in der Nachbarschaft gespendet. Das Unternehmen kümmert sich um den Verkauf und die Vermarktung des Bieres, während der Verein für die Mittelvergabe der Gewinne zuständig ist. Der erzielte Gewinn fließt nicht in private Taschen oder an Anteilseignerinnen und -eigner, sondern zurück in die Gesellschaft.

„Startnext“ verfolgt außerdem den Zweck, eine positive Wirkung auf das Gemeinwohl sowie die Umwelt zu erzielen. Dafür haben wir uns zertifizieren lassen: Mit dem Status „B Corp“ werden weltweit Unternehmen ausgezeichnet, die zur Lösung von sozialen und ökologischen Problemen beitragen. Das Siegel „B Corp“ steht für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen. Denn wir glauben daran, dass erfolgreiche Unternehmen ihre Kraft zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen nutzen sollten.

Beweisen, dass es besser gehen kann

Ich bin zuversichtlich, dass eine Wirtschaft sich nicht unbedingt an der Devise „höher, schneller, globaler“ ausrichten muss. Das war das Mantra vieler Unternehmen in einer sich rasant globalisierenden Welt. Neue Märkte wurden erschlossen, die Lohn- und Personalkosten gedrückt, die Gewinne maximiert. Doch der schnelle Profit geht leider oft auf Kosten der Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen überall auf der Welt. Damit kommen wir im 21. Jahrhundert nicht weiter: Wir brauchen soziale Innovationen und neue Unternehmensmodelle. Dass neue Wege funktionieren, beweisen wir Monat für Monat: Wir erhalten von den Userinnen und Usern unserer Plattform eine Provision auf freiwilliger Basis. Das klappt: Unsere 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten ein verlässliches Einkommen. Wir beweisen also, dass es besser gehen kann.

Uns war wichtig, aus eigener Kraft zu wachsen. Wir haben die maximale Freiheit, jederzeit neue Ideen ausprobieren zu können, ohne auf Investoren Rücksicht nehmen zu müssen, wie etwa aktuell den Launch von www.snuugl.com. Dieser Dankeschön-Marktplatz kann die Perspektive auf Crowdfunding verändern. Wir haben eine Firmenkultur entwickelt, die die intrinsische Motivation stärkt, die Raum gibt für Experimente. „Die Zukunft gehört den Mutigen“ lautet unser Claim. Und für uns ist Mut auch, eine Mission zu haben. Nämlich die, eine gleichberechtigte und enkeltaugliche Zukunft fördern. Dieses Ziel bedenken wir bei jeder Aufgabe, die wir übernehmen. Bei jeder Entscheidung, die wir treffen. Was noch wichtig ist für unsere Zukunft: Die Diversität von Perspektiven wertzuschätzen, denn das bildet die Basis für eine diskriminierungs-, rassismus- und sexismusfreie Gesellschaft. „Startnext“ versteht sich selbst als sinnstiftendes Unternehmen – und wir rufen alle dazu auf, das Alte zu hinterfragen und Neues danebenzustellen. Was mir persönlich derzeit wichtig ist, ist die Initiative für eine neue Gesellschaftsform: die Gesellschaft mit gebundenem Vermögen (GmgV). Im Kern geht es darum, dass Gewinne erwirtschaftet werden, jedoch im Unternehmen verbleiben und niemals externe Stakeholder am Steuerrad des Unternehmens sitzen.

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