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Die Freiheit, wieder jemand zu sein

von Gabriele Schnückel, Gründerin des Sozial-Projekts „BadBoys“

Die Freiheit, wieder jemand zu sein

Designerin zu sein, sollte für Gabriele Schnückel irgendwann mehr bedeuten als nur Produkte zu visualisieren. Sie wollte Zukunft gestalten. Mit ihrem Sozial-Projekt „BadBoys“ bietet sie ehemaligen Häftlingen eine langfristige Perspektive. 2018 erhielt sie dafür die Auszeichnung der Bundesregierung für Kultur- und Kreativpiloten.

„Einen Foodtruck können Sie natürlich nicht in die JVA bringen – das wäre ja das ideale Fluchtfahrzeug!“ An solch banale, aber auch nachvollziehbare logistische Anforderungen habe ich zunächst gar nicht gedacht, als ich mit der JVA Oldenburg ein Konzept für die Wiedereingliederung von ehemaligen Häftlingen erarbeitet habe. Seitdem ist viel passiert: Inzwischen steht mein Sozial-Unternehmen „BadBoys“ – Häftlinge sollen in der JVA gebrauchte Lastwagen zu Foodtrucks umbauen. Nach ihrer Entlassung arbeiten sie dann in Festanstellung auf den Trucks.

Für Außenstehende ist es erstmal eine prekäre Randgruppe, die wir da unterstützen und wieder integrieren wollen. Ich selbst – und auch niemand in meinem Umfeld – hatte Erfahrung mit Haft. Es war eher ein Herantasten. Als Designerin hatte ich mich nach mehr als 20 Jahren in Agenturen selbständig gemacht. Irgendwann ist mir einfach klargeworden, dass ich zwar Produkte visualisieren kann, aber Design viel mehr ist: Man kann mit Design auch Zukunft gestalten!

Ich kann Design nutzen, um etwas zu verändern.

Mein Impuls war, als selbständige Unternehmerin soziale Projekte zu entwickeln. Ganz zu Anfang stand der Gedanke, mit Foodtrucks Promotion zu fahren. Ich habe mich damit beschäftigt, was man dazu an Einrichtung braucht und so weiter. Die JVA Oldenburg hat eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit – und so kamen wir ins Gespräch. Zunächst nur über die Möglichkeit, dass Häftlinge in den Werkstätten Grills bauen könnten.

Küchenchef Marcel Schafft

Marcel Schafft

Dann habe ich weitergedacht: Was sind das für Menschen hier? Was brauchen sie langfristig? Warum sollten sie nur einen Grill bauen? Könnten Sie auch die komplette Küche installieren? Die Antwort war: Wenn der Foodtruck denn in die JVA hineinpasse, schon. Aber natürlich ohne Räder. Also musste ich einen Truck finden, bei dem der Kastenaufsatz abgebaut und auf Panzerrollen hineingefahren werden kann. Damit entwickelte sich dann das Konzept für die Wiedereingliederung: Parallel zum Foodtruck-Umbau arbeiten Häftlinge mit einem Koch an einem Foodkonzept. Es wird regional und gesund gekocht – mit eigenen Saucen, Gewürzen und Rezepten. Dabei fließen die verschiedenen kulturellen Hintergründe der "BadBoys" mit ein. Die ehemaligen Häftlinge sollen sich mit dem Produkt identifizieren. Mit Marcel Schafft habe ich einen hervorragenden Küchenchef und Partner gefunden, der gemeinsam mit mir diese Idee umsetzt. Zum Glück: Ich selbst kann gar nicht kochen!

Im Bau wird an der Zukunft geschraubt.

Streetfood in einem Pappteller

Bad Boys

Der Name „BadBoys“ ist bewusst frech und selbstironisch gewählt. Natürlich haben sie alle ihre Strafe verdient. Aber es ist die Aufgabe der Gesellschaft, sie im Anschluss wieder aufzunehmen. Der Foodtruck ist dabei eine Art Sprachrohr: Ehemalige Häftlinge sprechen hier über ihre Erfahrung, bauen Hürden ab und brechen mit Klischees. Gleichzeitig lernen sie wieder, wie sie mit einem soliden Arbeitsplatz gutes Geld verdienen, mit dem sie ihre Schulden abzahlen oder auch mal ein Geschenk für die Tochter kaufen können. Sie sind also nicht mehr auf ihre alten Kumpanen angewiesen. Direkt nach der Haftentlassung einen Job zu haben, senkt die Rückfallquote von vierzig Prozent auf unter zehn Prozent – und das reduziert die Kosten für die Allgemeinheit. Deswegen sind wir ein gemeinnütziges Projekt. Wir alleine können das nicht wuppen. Es muss von der Gesellschaft getragen werden. Wichtig wäre jetzt, den ersten Foodtruck zu erwerben und in die JVA zu stellen. Die Perspektive, dass da draußen jemand an einen denkt, ist für diese Menschen unheimlich motivierend und wichtig für ihr Selbstwertgefühl.

Die gegenwärtige Lage hat unsere Planung natürlich etwas umgeworfen. Wir wollen an große Events wie Wacken oder Rock am Ring fahren, wo wir mit bis zu fünf Köchen in Stoßzeiten stündlich 250 Essen ausgeben können. Der Foodtruck soll profitabel sein, damit wir weitere kaufen und mehr Menschen mit Hafterfahrung einstellen können. Wir wissen: Das Foodtruck-Potential ist in Deutschland lange noch nicht ausgeschöpft. Unsere Mischung aus ansprechendem Design, gutem Essen und spannender Story kommt bei der Foodtruck-Zielgruppe an. Ich bin auch schon von anderen JVAs angesprochen worden. So werden hoffentlich bald nicht nur die BadBoys Oldenburg rollen, sondern auch die BadBoys Dresden oder die BadBoys München.

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