Die Fürsorge um den Patienten ist mein Fokus

ein Gespräch mit Dr. Özlem Türeci, BioNTech SE

Die Fürsorge um den Patienten ist mein Fokus

Dr. Özlem Türeci, Chief Medical Officer von BioNTech, vergleicht ihre Arbeit gerne mit der Vermessung von zuvor unbekanntem Territorium, wo es manchmal eben nur Schritt für Schritt vorangeht. Bei Innovationen ein ganz normaler Vorgang, wie die Medizinerin im Gespräch erläutert. Weltweit ruhen Hoffnungen auf der Arbeit der Mainzer Forscher: Das Unternehmen ist einem wirksamen und sicheren Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 auf der Spur.

Auch, wenn die Lösung noch nicht in Sicht ist, dranzubleiben und Rückschläge richtig zu deuten, das ist für Özlem Türeci zentral. Mit dieser Überzeug verantwortet sie die klinische Entwicklungsarbeit des Mainzer Biotechnologieunternehmens BioNTech. Im Frühling begann eine umfassende klinische Studie, mit der die Wirksamkeit und Sicherheit einer möglichen Corona-Vakzine erprobt wird. Türeci, die nach dem Medizinstudium an der Universität des Saarlandes an der Universitätsklinik in Mainz ihre ersten Erfahrungen im Ausgründen machte, ist neben ihrer wissenschaftlichen und unternehmerischen Arbeit Vorsitzende des Spitzenforschungsclusters für Individualisierte ImmunIntervention (Ci3). 

Frau Dr. Türeci, erinnern Sie sich an einen entscheidenden Moment, der prägend war für Ihren wissenschaftlichen und beruflichen Fokus?

Es gab nicht den einen Moment, geprägt hat mich ganz bestimmt meine Familie. Mein Vater war ein den Patienten sehr zugewandter Mediziner und bereits als Kind habe ich von ihm Anspruch und Haltung gegenüber meinem heutigen Beruf mitbekommen, nämlich dass die Fürsorge um den Patienten der Fokus ist. Alles andere, ob nun die Wahl des Studiums oder des Berufs, später auch die Entscheidungen rund um die Unternehmensgründung, folgten diesem Fokus.

Impfstoffforscherin Dr. Türeci

BioNTech SE

Gab es eigentlich eine Vorbereitung für den Plan, Ihr akademisches Wissen auch als Gründerin und Unternehmerin anzuwenden?

Gezielt vorbereitet habe ich mich nicht. Wichtiger war, dass ich mit einem Netzwerk von Mentoren und Gefährten gesegnet bin, auf die ich stetig zurückgreifen kann. Von diesen habe ich gelernt, dass Problemlösungskompetenz zu entwickeln und besser zu werden ein Weg und nicht ein Ziel ist. Mein Ziel war ja, neueste wissenschaftliche Erkenntnis für den Patienten nutzbar zu machen. Alles, was mir auf der Reise dorthin begegnet ist und noch wird – und wenig davon hatte mit meiner akademischen Ausbildung zu tun – ist als technische Aufgabenstellung anzugehen.

Welche Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht wichtig, um Innovationen als Gründerin oder Gründer voranzutreiben?

Für mich geht es darum, die Balance aus Mut und Demut zu finden, wenn man von seiner Idee überzeugt ist, diese auf einem soliden Fundament steht und man eine Innovation nachhaltig weiterverfolgen will. Ich betone „nachhaltig“ deshalb, weil das Gründen selbst immer nur der erste Schritt ist. Die eigentliche Leistung ist, das Vorhaben bis zum Touch down zu bringen.

Die richtige Balance aus Mut und Demut ist entscheidend, wenn man erfolgreich und verstetigend gründen will.

Gerade, wenn man, so wie ich in meinem Unternehmen, an der Entwicklung von Medikamenten mitwirkt, ist das oft eine besondere Herausforderung. Hinzu kommen die Bereitschaft, Verantwortung und eigenes Risiko zu übernehmen. Eine Erfindung ist übrigens nicht unmittelbar eine Innovation, was eingesehen werden muss, und das meine ich, wenn ich von Demut spreche. Bei der Entwicklung eines innovativen Medikamentes folgt ein langer, beschwerlicher Weg, entlang dessen stetig weitere Innovationen aus anderen Disziplinen eingefüttert werden – ähnlich wie im Ingenieurswesen. 

Eine Personengruppe arbeitet in einem Labor.

BioNTech SE

„Demut“ haben Sie selber gerade erwähnt – Was würden Sie jungen Gründerinnen und Gründern zum Umgang mit eventuellen Rückschlägen empfehlen?

In der Medikamentenentwicklung haben wir es der Natur der Sache nach immer wieder mit Erkenntnissen zu tun, die andere als Rückschläge bezeichnen würden. Ein Grundsatz, der sich hier für mich immer wieder als zeitlos erweist, ist, zu identifizieren, welche Dinge wir wirklich nicht ändern können, und sie zu akzeptieren. Dafür aber die Entschlossenheit und den Mut zu konzentrieren, auf die Dinge, die in unserem Einflussbereich sind – der ist oft größer als man erstmal glaubt.

Das, was man beeinflussen kann, sollte man mit Entschlossenheit und Mut angehen.

Das liegt daran, dass die Suche nach Innovationen ein stetiger Prozess des Probierens ist. Das akzeptieren wir nicht nur als etwas, was nun mal passiert und woraus man lernt: Wir suchen diese Situationen ganz aktiv. Grundsätzlich glaube ich, dass einem ein solches Vorgehen in vielen Bereichen hilft, Rückschläge nicht nur zu überwinden, sondern sie in etwas Positives zu verwandeln.

Dieses stetige Ausprobieren, hat das Auswirkungen auf Ihre Art der Mitarbeiterführung?

In der Medikamentenentwicklung bedeutet innovativ zu sein, dass wir uns über einen längeren Zeitraum in unbekanntes Territorium bewegen. Das  erfordert eine enorm große Eigenmotivation. Ich habe das Glück, mit einem unglaublich tollen Team zusammenarbeiten zu dürfen, wo jede und jeder Einzelne den Willen zum Ausprobieren, zum Weiterforschen hat und diese Eigenmotivation mitbringt.

Als Unternehmerin habe ich den Anspruch, das, was ich von meinen Mitarbeitern verlange, vorzuleben.

Frau

BioNTech SE

Wenn Chefs dann mit gutem Beispiel vorangehen, kann das jene Dynamik entfalten, die es braucht, um mit einem Unternehmen eine herausfordernde Aufgabe zu lösen. Eine solch herausfordernde Aufgabe erleben wir derzeit mit der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

Zu Beginn sprachen Sie vom Patientenwohl als ihrem beruflichen Fokus. Wie verhält sich denn die für exakte Wissenschaft notwendige Rationalität mit den emotionalen Komponenten der Auswirkung von medizinischen Forschungsergebnissen?

Für mich schließt sich das nicht aus, sondern es befruchtet sich gegenseitig geradezu, und so lebe ich das täglich bei meiner Arbeit. Objektivität und Nüchternheit sind bei der Analyse von Daten notwendig. Ein ganz anderes Thema ist die Empathie, die ich als Medizinern dann benötige, um bei der Arbeit mit den gewonnenen Daten das Bestmögliche zu erreichen – für den einzelnen Patienten und ganz grundsätzlich für die Gesellschaft, wie jetzt im Fall der Impfstoffentwicklung.

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