Ein Augenöffner

Drei Fragen an Dr. Ella Maria Kadas vom Start-up „Nocturne“

Ein Augenöffner

„Nocturne“ nutzt das Auge als Fenster zum Gehirn. Das Start-up entwickelt eine Software, die mithilfe Künstlicher Intelligenz Bilder der Netzhaut auswertet. Diese unterstützen die Diagnose und Beurteilung von neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Im Rahmen von „Perspektiven: das Online-Event“ am 22. September 2020 beantwortete Nocturne-Gründerin Dr. Ella Maria Kadas Fragen zu den Rahmenbedingungen für Start-ups im Gesundheitswesen – ehrlich, kritisch und konstruktiv.

Frau Dr. Kadas, welche Rahmenbedingungen brauchen wir für junge Menschen mit Start-up-Ideen?

Mein Mitgründer und ich haben beide an der Freien Universität in Berlin promoviert. Ich kann nur betonen, wie wichtig die Kooperation von verschiedenen Forschungseinrichtungen ist. Unsere Technologie hat dadurch unheimlich gewonnen, weil wir an der FU die mathematischen Verfahren, was unsere Expertise war, benutzten – und dann in Zusammenarbeit mit der AG Paul „NeuroCure Clinical Research Center“ an der Charité das Produkt und die Anforderungen entwickelten. Der Austausch mit den Medizinern ist enorm wichtig, weil sie uns sagen, welche Merkmale sie benötigen und wir ihnen sagen können, was wir mit KI und Mathematik auf den Bildern identifizieren können. Ohne diese Synergie wäre unsere Technologie nicht entstanden.

In Deutschland fehlt noch das Mindset, mehr Risikobereitschaft zu zeigen und Scheitern als Teil vom Wachstum zu akzeptieren.

Dr. Ella Maria Kadas Mitgründerin des Start-ups „Nocturne“

Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten für Start-ups in Deutschland?

Man braucht viel Resilienz und Unterstützung von Freunden und Familie. In Deutschland fehlt noch ein bisschen das Mindset, mehr Risikobereitschaft zu zeigen und Scheitern als Teil vom Wachstum zu akzeptieren. Auf der Erfahrung vom Scheitern kann man wieder aufbauen. Entsprechende Bildung im frühen Stadium ist da wichtig. Es hat sich für die Gründerszene ja einiges getan in den vergangenen Jahren. Ein paar Elemente wären noch hilfreich, wie praktische Tipps zu Gründungen in Wahl- oder Lehrmodulen an Unis anzubieten. Aber auch schon viel früher etwa Programmieren wie eine Fremdsprache an Schulen zu unterrichten. KI-Anwendungen müssen viel früher gelehrt und gezeigt werden. Auch spielerisch Gründungen nachzustellen, wäre an Schulen machbar.

Wie sieht es aus in Bezug auf Kapital und Investitionen – brauchen wir auch hier ein offeneres Mindset?

Es gibt am Anfang schon viele Förderungen. Aber gerade im Gesundheitswesen braucht man relativ lange, bis ein Produkt auf den Markt kommt wegen der Regulierungen und der Vielzahl an Stakeholdern. Hier wäre es hilfreich, wenn wir den zweiten Teil der frühen Start-up-Phase überbrücken könnten durch weitere Förderungen.