Cornelia Daheim

Es gibt nicht die eine Zukunft – nur verschiedene Zukünfte

Gespräch mit Cornelia Daheim

Es gibt nicht die eine Zukunft – nur verschiedene Zukünfte

Cornelia Daheim ist Vorsitzende des Zukunftskreises des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie Gründerin von Future Impacts, einem Unternehmen zur Zukunftsberatung – was nicht heißt, dass sie immer schon vorher weiß, was passieren wird. Ihre Aufgabe: zu überlegen, was wir heute tun können, um die Zukunft besser zu machen. Wie das geht, berichtet sie hier.

Wenn ich anderen Menschen erzähle, dass ich Zukunftsforscherin bin, denken viele erst einmal an die berühmte Glaskugel. Die besitze ich nicht. Ich bin auch kein Prognosendealerin. Mit Sicherheit vorauszusagen, was in Zukunft passieren wird, ist nicht möglich – dessen bin ich mir bewusst. Was aber möglich ist, sind begründete Annahmen, Abschätzungen unter Wenn-dann-Voraussetzungen. In meinem Unternehmen nennen wir das gern „Denken auf Vorrat“: Wir versuchen, mit Zukunftsforschungsmethoden andere Unternehmen oder die Politik zu unterstützen. Dabei entwickeln wir mehrere alternative Szenarien und überlegen uns dann, wie man ihnen begegnen sollte. Eigentlich beschäftige ich mich also gar nicht mit „der Zukunft“, sondern eher mit „Zukünften“. Wichtig ist dabei auch die Perspektive, welche Zukünfte wir uns wünschen, und was in diese Richtung heute getan werden kann.

Dass ich mich jetzt so viel damit beschäftige, resultiert aus einer Mischung von Fügung und Zufall. Ich habe Psychologie, Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft studiert, also war mein Weg nicht unbedingt vorgezeichnet. Aber ich war immer sehr breit interessiert und in der akademischen Welt habe ich mich ein bisschen limitiert gefühlt. Ich wollte enger an der Gesellschaft arbeiten, ständig Neues lernen und in viele verschiedene Organisationen hineinschnuppern. An der Uni hing die Anzeige für eine Praktikumsstelle aus bei einer kleinen Firma, die sich auch mit Zukunftsforschung beschäftigt. Da habe ich mich beworben und bin dann in dem Feld geblieben.

Was passiert, wenn die EU auseinanderbricht?

Auf der anderen Seite hat meine jetzige Arbeit schon auch viel mit meinen Studienfächern zu tun – der psychologische Aspekt spielt bei Veränderungen schließlich eine große Rolle. Und in der Komparatistik ist es zentral, verschiedene Perspektiven zu verstehen. Auch in der Zukunftsforschung gilt es, viele Alternativen durchzudenken, uns auch mit Dingen zu beschäftigen, die für viele unvorstellbar erscheinen, und Grundannahmen zu hinterfragen. Auch weil wir Erfahrungen damit haben, welche Aspekte in der Vergangenheit unterschätzt und welche überschätzt wurden. Was wäre zum Beispiel, wenn die EU in zehn Jahren auseinanderbricht? Das können sich viele nicht einmal vorstellen, aber denkbar ist es. Genauso wie, positiver formuliert, ein radikales Umsteuern Richtung Nachhaltigkeit und zum Beispiel am Radverkehr und Fußgängern ausgerichtete Innenstädte. Bei solchen möglichen Disruptionen – das hat auch Corona gezeigt – hilft es, sich schon früh einmal damit auseinandergesetzt zu haben.

Den Handlungsspielraum behalten

Dahinter steht die philosophische Grundhaltung, dass die Zukunft beeinflussbar ist. Problematische Verläufe verhindern und wünschbare Verläufe möglich machen, darum geht es. Das eröffnet uns einen Handlungsspielraum. Bei den meisten spielt erst einmal das berühmte Bauchgefühl eine Rolle. Denn alle Menschen schätzen ständig die Zukunft ein – schon bei der Entscheidung, ob sie heute einen Regenschirm mitnehmen oder nicht. Dafür schauen die meisten in den Himmel, aber eben auch auf den Wetterbericht. Als Zukunftsforscherin habe ich darüber hinaus Werkzeuge an der Hand: Datenbanken oder Trendradare, die wir selbst aufgebaut haben und ständig aktualisieren, oder Methodiken der Szenario-Entwicklung. Letztlich geht es jedoch darum, die richtigen Filter einzusetzen und die richtigen Fragen zu stellen.

Cornelia Daheim

Arnd Drifte

Unser Problem ist ja nicht ein Mangel an Informationen, sondern eher, dass wir so viel davon haben und dass wir sie alle irgendwie auswerten müssen. Das ist ein mehrstufiges Verfahren, aber letztlich geht es um wissenschaftliches Handwerk: Reports prüfen, Wissenschaftsjournale auswerten, Quellen systematisieren, Expertinnen und Experten befragen. Das kann noch keine KI, das müssen noch Menschen machen. Außerdem wollen wir die Institutionen, die wir beraten, dazu befähigen, das auch selbst zu können und langfristige Zukunftsperspektiven am besten in die bestehenden Planungs- und Entscheidungs-Prozesse zu implementieren. Aber: Man muss höllisch aufpassen, nicht in ein reaktives Muster zu verfallen, wenn man über die Zukunft nachdenkt – also davon auszugehen, dass bestimmte Dinge passieren werden und man schon gewonnen hat, wenn man darauf reagiert und sich entsprechend vorbereitet. Vielmehr müssen wir gesamtgesellschaftlich, als Einzelpersonen und auch als Organisationen den Freiraum wahrnehmen und erhalten, selbst zu handeln, also die Zukunft aktiv gestalten zu können.

Corona war für die Zukunftsforschung ein Hebel und für viele ein Augenöffner

Viele fragen mich, ob ich überhaupt noch überrascht werde, wenn ich mich ständig mit der Zukunft beschäftige. Da ist schon was dran – vielleicht bin ich auf bestimmte Entwicklungen tatsächlich besser gedanklich vorbereitet als andere Menschen. Aber vieles verwundert auch mich noch. Zum Beispiel, dass die Gesellschaft während Corona zum Teil doch recht stark in traditionelle Geschlechterrollen zurückgefallen ist, indem z. B. Frauen meist wieder Heimarbeit und Kinderbetreuung bzw. Home-Schooling übernommen haben. Da habe ich gedacht, wir wären schon weiter. Aber das war auch ein guter Check, um zu sehen, dass sich die Wahrnehmung oft nicht mit der Realität deckt.

Überhaupt ist Corona, auch wenn ich nicht zynisch klingen will, für eine Zukunftsforscherin auf eine bittere Art eine Hilfe und ein Hebel für stärkere Beschäftigung mit Zukunft und möglichen Disruptionen. Dass so etwas passieren kann, war eigentlich sehr gut dokumentiert, verstanden und analysiert. Zahlreiche Studien und Modelle haben ziemlich genau vorausgesehen, wie so eine Pandemie verlaufen kann. Und trotzdem war die Gesellschaft überhaupt nicht darauf vorbereitet. Das hat, denke ich, den Vorstellungshorizont vieler erweitert, was alles denkbar ist in der Zukunft, und die Augen vieler dafür geöffnet, dass wir uns mehr mit auch disruptiven möglichen Zukünften beschäftigen müssen.

Natürlich ist es manchmal frustrierend, zu sehen, wie schwierig es ist, Veränderungen umzusetzen – obwohl es eigentlich jedem klar ist, wie nötig sie sind! Der Klimawandel ist das beste oder schlechteste Beispiel dafür. Die Faktenlage und wissenschaftliche Einschätzung ist seit Jahrzehnten offensichtlich, aber national und international brauchen wir einfache sehr lange, um die nötigen Maßnahmen einzuleiten. Wie schwer das ist, habe ich auch persönlich unterschätzt und damit ringe ich auch heute noch. Das zwingt einen schon in einen starken Realismus hinein.

Dennoch bin ich für die Zukunft nicht nur pessimistisch gestimmt. Gerade bei jungen Leuten sieht man deutlich, dass es ein wachsendes Bewusstsein dafür gibt, schon heute die langfristig wichtigen Weichen stellen zu müssen. Auf Umwelt und Nachhaltigkeit zu achten spielt da auch in der persönlichen Entwicklung eine wichtige Rolle. Viele streben zum Beispiel nicht mehr nach individuellem Wohlstand mit einem möglichst üppigen Gehalt, sondern wollen eher in einem Social-Start-up die Welt ein bisschen besser machen. Das macht mir Hoffnung.

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