Benedikt Bösel

Es muss um den Menschen gehen, nicht um den Weltmarkt

von Benedikt Bösel, Geschäftsführer von Gut & Bösel

Es muss um den Menschen gehen, nicht um den Weltmarkt

Benedikt Bösel kann es sich nicht leisten, einfach mal nichts zu tun: Er muss seine Arbeitsabläufe verändern, wenn er seinen landwirtschaftlichen Betrieb auf Brandenburgs kargem Boden erhalten will. Inzwischen ist der ehemalige Investmentbanker ein Vorreiter der regenerativen Landwirtschaft, und hofft, einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Er kämpft gegen mehrere Widerstände: das System, den Anspruch an die Digitalisierung – und gedankenlose Fleischesser.

Die Kuh ist Klima-Killer Nummer eins – denkt jeder. „Vollkommen falsch“, sagt Benedikt Bösel. „Das System ist falsch. Und der Mensch, nicht das Tier, hat das System gemacht.“ Bösel rückt sein graues Cap zurecht. Wie jeden Tag ist er kurz nach vier Uhr aufgewacht. Den „Luxus“ eines Weckers – also schlafen zu können, bis dieser klingelt – hat er nicht. Morgens, bevor die Alltagshektik losgeht, erledigt er Büroarbeit und macht Sport. Als er noch Investmentbanker war, ging er um vier ins Bett. Wie sich das Leben ändert.

Bösel ist Landwirt in Alt Madlitz, Brandenburg. Noch passiert auf den Feldern nicht viel. Aber bald beginnt der Frühling, für ihn eine der schönsten Phasen des Jahres: Die Sonne erwärmt den Boden, die ersten Insekten fliegen, Felder und Bäume zeigen ihre Farben. Die Wertschätzung für das eigene Schaffen, die Liebe zum Beruf spürt er so, wie er es früher als Finanzexperte nie erlebt hat – trotz der existentiellen Nöte und des immensen Drucks, als Landwirt seine Familie ernähren zu müssen und für 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich zu sein. „Ich bin grundglücklich, weil ich morgens aufstehe, geile Sachen machen und an sinnstiftenden Themen arbeiten kann.“

Mehrere Personen, die auf einem Feld landwirtschaftliche Arbeit verrichten

Finck Photography

Wir müssen Innovation nutzen, um Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen

Als er 2016 den Familienbetrieb mit 1.000 Hektar Acker und 2.000 Hektar Wald offiziell übernahm, hatte er ambitionierte Pläne, mit Technologie alles umzukrempeln. Aber Brandenburgs Böden sind trocken, es fällt wenig Regen. Oder er fällt zur falschen Zeit. „Da hilft dir auch keine Drohne“, musste Bösel feststellen. „Innovation und Technologie in der Landwirtschaft versucht heute lediglich die Symptome der Probleme zu verringern. Dabei sollten wir uns auf die Ursachen fokussieren und Innovation nutzen, um die Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Er suchte nach einem Weg, auf Brandenburgs schwierigen Äckern klimaresistente Böden zu schaffen. Weltweit schaute er sich regenerative Landnutzungskonzepte an und setzt nun auf verschiedenen Flächen Agroforst, syntropische Landwirtschaft und ganzheitliches Weidemanagement um.

Das Ziel von Bösel und seinem Team ist eine multifunktionale Landwirtschaft, die die Natur imitiert: Durch die intelligente Verbindung von Acker, Büschen, Bäumen und Tieren werden Nährstoffkreisläufe geschlossen, Biodiversität aufgebaut, Kohlenstoff langfristig gespeichert und Nahrung hergestellt, die eine besonders hohe Nährstoffdichte aufweist. 

Kühe auf einer Blumenwiese

Finck Photography

„Fakt ist: Wir essen zu viel Fleisch im globalen Norden. Und Fakt ist auch: Wir essen das falsche Fleisch.“ Massentierhaltung und massiven Zukauf von Futtermitteln, insbesondere aus dem Ausland, hält Bösel für einen gravierenden Systemfehler. Er will den Beweis antreten, dass ganzheitliches Weidemanagement nicht nur gutes Fleisch produziert, sondern dazu rentabel ist. Hierbei werden die Kühe auf dem Acker eng zusammengestellt und jeden Tag weiterbewegt. So fressen sie nur 50 Prozent der Gräser ab, die mit Wurzelwachstum reagieren. Den Rest der Pflanze trampeln die Tiere in die Erde, was neben dem natürlichen Kuhdung mehr Nahrung für Regenwürmer und andere Organismen bedeutet. Ein hoher Humusgehalt schützt nicht nur vor Erosion, Dürre und Starkregen. Der Prozess speichert auch Kohlenstoff im Boden – eine US-Farm-Studie hat errechnet: pro produziertem Kilogramm Fleisch etwa 3,5 Kilogramm CO2. Das Bild von der Kuh als Klima-Killer könnte damit entsorgt werden.

Optimiertes Weidemanagement kann ökologisch und ökonomisch erfolgreich sein

Bevor Benedikt Bösel Agrarökonomie studiert hat und sich abends Erde von den Stiefeln klopfte, hatte er Renditen kalkuliert, in Kapitalanlagen und Start-ups investiert. Jetzt macht er sich Gedanken über seine eigenen Erträge. Wenn seine Vision funktioniert, unter nahezu unwirtschaftlichen Bedingungen ökologisch und ökonomisch langfristig erfolgreich zu sein, dann hilft das auch Betrieben, die wie er jeden Tag ihre Existenz bedroht sehen. Und die Politik müsse reagieren. Dann werde es einen Paradigmenwechsel geben. Das ist die Vision und die Hoffnung, in die Bösel alles investiert hat. Seine Aktien, seine Reserven und seinen „schönen Audi“, der ihm heute eh nichts mehr bedeutet hätte. 

Bald kommt der große Umbruch – ohne Frage

Hand die Saatgut verstreut

Finck Photography

Bösel ist für den Einsatz von Technik und Digitalisierung, solange sie an den Bedürfnissen der Natur ausgerichtet ist. Deswegen unterstützt er unter anderem das Start-up „Ruumi“. Es bietet eine satellitengestützte Software, die Graswachstum, Futteraufnahme und Trockenmasse der Felder analysiert und daraus einfache Handlungsempfehlungen ableitet, auf welche Parzelle die Tiere rotieren sollten. Als Mitglied im „Kompetenznetzwerk Digitalisierung in der Landwirtschaft“ berät Bösel das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Er ist überzeugt, dass es bald zu einem Umbruch kommen wird und die Politik reagieren wird: „In spätestens fünf Jahren werden Landwirtinnen und Landwirte für Biodiversitätsleistungen bezahlt.“ 

Dass die Gesellschaft sich verändert hat und mehr gesunde, nachhaltige, aufs Tierwohl achtende Lebensmittel fordert, hat er längst wahrgenommen. Wenn Dutzende von Stadtmenschen auf den Betrieb „Gut & Bösel“ zu Baumpflanzaktionen, Lebensmittelsymposien oder „Soil Health Workshops“ strömen, dann möchte Bösel ihnen einerseits zeigen, wie hip Landwirtschaft ist. Zum anderen will er aber auch die Wertschätzung für die tagtägliche Arbeit von Landwirtinnen und Landwirten steigern.

Die Realität ist auch, dass die wenigsten Landwirtschaftsbetriebe ohne Subventionen auskommen. 50 Prozent von Bösels Einnahmen sind Subventionen. Davon will er weg. Er will zeigen, dass regenerative Landwirtschaft selbst an einem Extremstandort funktioniert. Nicht nur für seine eigene Zukunft, sondern vor allem für seine Tochter, die im Mai geboren wird, und ihre Generation. Dafür steht er gerne jeden Morgen so früh auf.

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