Prof. Dr. Günter Faltin, Stiftung Entrepreneurship

Gründen ist wie Lego, man braucht nur die richtigen Steine

von Prof. Dr. Günter Faltin, Gründer der Stiftung Entrepreneurship

Gründen ist wie Lego, man braucht nur die richtigen Steine

Als Schüler las Günter Faltin unter der Bank Unternehmergeschichten. Heute ist der Hochschullehrer einer der Pioniere des Entrepreneurships und überzeugt davon, dass Gründen für alle zugänglich sein sollte. Nicht nur, weil es einfacher ist, als viele denken, sondern auch, weil es die Welt besser machen könnte – wie er hier erzählt.

Zu meiner Schulzeit war Wirtschaft ein verpönter Bereich, fast schmutzig. Also habe ich Bücher dazu unter der Bank gelesen. Meine „schmutzigen Heftchen“ waren Unternehmergeschichten von Henry Ford oder Andrew Carnegie. Ich war fasziniert, wie einfach sie gedacht haben. Wie sie Entwicklungen aufgegriffen haben, ohne Experten zu sein. Wie einfach der Zugang war. Die heutige Wissensgesellschaft, in der wir ja unbestritten leben, hat diesen Zugang weiter vereinfacht. Früher wurde Wissen wie ein Schatz gehütet. Heute wartet es im Internet nur darauf, entdeckt zu werden.


Freier Wissenszugang ermöglicht uns, ganz anders zu gründen als früher. 

Für ein Stahlwerk waren riesige Mengen an Kapital nötig, viele Produktionskräfte und das richtige Know-how. Heute kann schon mit geringen Kapitalmengen gegründet werden und das nötige Know-how lässt sich recherchieren und zukaufen. Ich nenne das: Gründen mit Komponenten. Ich muss nicht Experte für alles sein. Ich muss nur herausfinden, wie ich mir einen Profi auf dem Gebiet, auf dem ich nicht weiterkomme, ins Boot holen kann. Das mag teurer sein, als alles selbst zu machen, aber auf längere Sicht zahlt sich diese Investition in Professionalität immer aus. Die Kunst des Gründens ist es also, ein Konzept auszuarbeiten, das ökonomisch so ergiebig ist, dass ich von Anfang an mit professionellen Komponenten gründen kann – Kopf schlägt Kapital, ganz wie ich es im gleichnamigen Buch beschrieben habe.

Prof. Dr. Faltin spricht mit einem Jungen.

Stiftung Entrepreneurship

Zuletzt hatten wir in der Projektwerkstatt nach diesem Prinzip den Virenfänger entwickelt: einen Luftfilter, der höchste Standards wie Hepa-14 erfüllt und dennoch deutlich günstiger ist als vergleichbare Produkte. Zuerst hieß das viel Recherche, denn ich war alles andere als ein Experte auf dem Gebiet. Dann mussten die passenden Komponenten gefunden und von einem Hersteller mit Erfahrung in der Lufttechnik-Branche zusammengebaut werden. Am Ende hat es mich und zwei Kollegen nur vier Wochen Zeit und etwas Kapital gekostet. So schnell kann eine Innovation bereit für die Welt sein. Und so einfach, für alle machbar, ist Gründen, wenn man auf Wissenszugang und Arbeitsteilung setzt. Fast wie Lego.

Der klassische Unternehmer gehört ins Museum.

Dieser neue Ablauf verändert auch das Bild vom Unternehmer: Patriarchalisch, männlich, mit Ellenbogen, gewinnfixiert – so war das alte Bild. Heute braucht ein Entrepreneur andere Eigenschaften: Die Idee, mit der ich antrete, ist wichtiger: stimmig zu den Menschen, einfühlend, glaubwürdig, transparent. Vor allem aber stimmig zur Natur; und ohne den großen Ballast an Marketing und Werbung, der die Produkte verteuert.

Prof. Dr. Günter Faltin spricht vor Publikum.

Stiftung Entrepreneurship

Leider erhalten bekannte TV-Sendungen wie „Die Höhle der Löwen“ dieses alte Unternehmerbild: Kapital bleibt das Wichtigste und die Ideenlieferanten sind arme Würstchen, die von der Gnade der erfolgreichen Unternehmer abhängen. Das ist schade – und altmodisch. Ebenso wie der Fokus auf Gewinnmaximierung. Diese ganzen Vorstellungen würde ich gerne ins Museum stellen. Es ist Zeit für ein neues Bild. Daher möchte ich allen, die diesen Text lesen, zurufen: Macht etwas, das euch am Herzen liegt. Macht etwas, was auf die Probleme unserer Zeit antwortet.

Macht etwas, das euch am Herzen liegt. 

Je mehr Menschen mit einem anderen Wertesystem, als es die Betriebswirtschaftslehre vorgibt, gründen, also Teil der Ökonomie werden, desto mehr werden deren Werte gefördert. Ökologische, nachhaltige, soziale Werte, wie im Buch „David gegen Goliath“ beschrieben. Wir brauchen also eine noch viel größere Vielfalt an ökonomisch aktiven Menschen, die mit ihren Vorstellungen und Werten auch die Wirtschaft und ihre Ziele vielfältiger werden lassen – insbesondere jüngere Menschen. So könnte es uns gelingen, die Punkte nach vorne zu bringen, die für die Zukunft besonders wichtig sind: höchste Qualität statt Wegwerfware, fair zu allen Beteiligten und zu den Kunden sein sowie einen anderen Umgang mit der Natur pflegen. Wir haben die Chance, eine bessere Welt zu bauen – aber wir müssen es selbst in die Hand nehmen.

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