Carsten Mahrenholz steht mit verschränkten Augen und blickt selbstbewusst in die Kamera.

Höre nicht darauf, wenn alle dir sagen: Das wird nicht funktionieren

von Dr. Carsten Mahrenholz, Gründer von COLDPLASMATECH

Höre nicht darauf, wenn alle dir sagen: Das wird nicht funktionieren

Carsten Mahrenholz hat einen Doktortitel in Chemie sowie Masterabschlüsse in Biologie und Wirtschaftswissenschaften. Mit seinem Start-up Coldplasmatech holt er Science-Fiction-Ideen in die Wirklichkeit: Sein kleines Team hat ein Gerät für die Behandlung von chronischen Wunden entwickelt, das gleichzeitig multiresistente Keime abtötet. Hier erzählt er, wie ihn dabei Star Trek inspiriert hat – und von einem einschneidenden Erlebnis vor einigen Jahren, das ihn gleichermaßen erschütterte wie ermutigte.

Was ich gelernt habe: Selbst wenn alle, wirklich alle um dich herum sagen, eine Idee wird nicht funktionieren, heißt das noch lange nicht, dass sie recht haben.

Das weiß ich spätestens, seitdem vor ein paar Jahren dieser Anruf aus der Charité kam. Ich weiß nicht mehr, welcher Monat, noch nicht mal welche Jahreszeit es war. Aber dass es ein Mittwochabend war, werde ich nie vergessen.

Meine Kollegen und ich waren damals noch als Arbeitsgruppe an einem Forschungshaus in Greifswald. Es war mal wieder spät geworden. Wir forschten an einem Gerät, um chronische Wunden mit kaltem Plasma zu behandeln. Es gibt etwa vier Millionen chronische Wundpatienten in Deutschland und jährlich rund 30.000 Amputationen. Erschwert wird deren Behandlung durch die stetige Zunahme multiresistenter Keime. Unsere Idee war ein Gerät mit Wundauflagen aus Silikon, die kaltes Plasma – vereinfacht gesagt: elektrisch geladenes Gas – generieren, das die Wunden behandelt und gleichzeitig Keime in Sekundenschnelle abtötet. So verrückt es klingt: Wir haben uns dabei am Dermalregenerator aus Star Trek orientiert, der genauso arbeitet.

Ich fragte mich: Wie können wir der Frau das Leben retten?

Colplasma-Pad

Nadine Bauerfeind

Zum Zeitpunkt des Anrufs an jenem Mittwoch war unser Gerät noch nicht fertig, wir hatten nur eine Vorläufer-Version. Aber wir waren sicher: Die Idee funktioniert – und der Bedarf ist groß. Denn bislang können Wunden mit Plasma nur sehr kleinteilig behandelt werden, unser Gerät lässt auch großflächige Behandlungen zu.

Am Apparat war ein Arzt von der Charité. Er berichtete, dass in die Uniklinik der RWTH Aachen eine 21-jährige Frau mit schwersten Verbrennungen eingeliefert worden war. Sie war mit Benzin übergossen und angezündet worden. Aufgrund eines Erregers, der gegen alle Antibiotika-Klassen resistent war, hatte ihre Haut zweimal Hauttransplantate abgestoßen. Ohne weitere Transplantationen würde sie sterben. Der letzte Transplantationsversuch sollte am Freitag stattfinden – keine 48 Stunden später.    

Der Arzt hatte gehört, dass wir an einer Lösung für derartige Fälle arbeiteten, und fragte, ob wir vielleicht helfen könnten. Um mich herum sagten alle sofort: Nein, können wir nicht. Wir sind noch nicht soweit. Das geht nicht. Für mich aber war die Frage: Sind wir trotzdem in der Lage, etwas zu tun? Können wir der Frau irgendwie helfen? Können wir ihr das Leben retten?

Wir schlossen uns die ganze Nacht im Labor ein

Ein Ingenieur, ein Plasma-Physiker und ich haben uns die ganze Nacht im Labor eingeschlossen und an einer Lösung gebastelt. Heraus kam eine riesige Plasma-Kanone, die vorne drei Plasma-Strahlen rausschoss. Hinten waren drei Gasflaschen dran, man musste sich das Ungetüm über die Schulter hängen. Nach einer durchgearbeiteten Nacht fuhren wir am Donnerstag mit dem Gerät nach Aachen.

Ich habe selbst als Rettungssanitäter gearbeitet und schon einiges gesehen, aber als wir den hell erleuchteten, unglaublich warmen Raum betraten, in dem die Patientin lag, wurde mir schwindelig. Als der Arzt die Schutzdecke von der komatösen Frau nahm, war meine erste Assoziation: Wenn das hier ein Horrorfilm wäre, würde man sagen, die haben’s übertrieben. Bis auf wenige, kleine Stellen war die gesamte Haut etwa einen halben Zentimeter tief abgetragen worden. Es war kaum zu begreifen, dass hier ein atmender, lebender Mensch vor uns lag.

Der zuständige Arzt behandelte die Frau am Donnerstag und Freitag jeweils sechs Stunden – unter anderem mit unserem Gerät. Und tatsächlich: Bei der anschließenden OP stieß ihr Körper die Transplantate nicht ab. Wir hatten alle multiresistenten Keime getötet. So konnte sich ihre Haut regenerieren. Unsere Plasma-Kanone hatte ihr das Leben gerettet. Von so einem Erlebnis kann man zehren, denn es zeigt dir: Du musst an deine Idee glauben – auch, wenn alle anderen daran zweifeln.

Teamfoto Coldplasmatech

Nadine Bauerfeind

Ich forsche, um reale Probleme zu lösen.

Zwei lachende Männer, einer sitzt einer steht

Kim Pottkämper

Neben absoluter Überzeugung spielen bei mir die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns eine große Rolle. Für mich steht bei allem, was wir machen, das Gemeinwohl im Vordergrund. Denn ich will nicht um des Forschens Willen forschen, sondern um wirklich etwas zu bewegen. Vom Herzen her bin ich Naturwissenschaftler, vom Kopf her Wirtschaftler: Ich will reale gesellschaftliche Probleme lösen. Damit das klappt, spreche ich viel mit Menschen aus der Praxis: mit Ärzten, Medizintechnikern, aber auch mit Patienten oder den Krankenkassen. Denn so banal es klingt: Manch medizinische Anwendung scheitert allein daran, dass sie im Abrechnungskatalog nicht vorgesehen ist.

Solche Hürden will ich vorhersehen und in unsere Entwicklung einbeziehen. Als Start-up möchte ich wissen, wie die Menschen ticken, die unsere Technologie später nutzen sollen: Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus? Was sind ihre Herausforderungen? Würde ihnen unsere Anwendung helfen? Beziehungsweise: Wie muss sie aussehen, damit sie ihnen hilft? In solchen Gesprächen möchte ich lernen und verstehen – das ist der Trick.

Folgerichtig war mein erster Mitgründer Tobias Güra ein Medizinökonom – erst danach haben wir Ingenieure und Wissenschaftler dazugeholt. Man muss sich mit Leuten umgeben, die Unmögliches möglich machen wollen. Wir sind immer noch weniger als zehn, was ein Erfolgsfaktor ist: Bei dieser Unternehmensgröße können wir auch mal scheitern, ohne gleich das große Ganze aufs Spiel zu setzen.

Heute sind wir ein zugelassenes Medizinprodukt der Klasse IIb und haben damit eine Zukunftsvision Realität werden lassen. Jetzt arbeiten wir mit großer Leidenschaft daran, unsere Idee zu den Patienten zu bringen – und damit die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen.

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