Frau Prof. Dr. Moreen Heine stehend mit verschränkten Armen.

Ich wollte etwas Neues bewegen

von Prof. Dr. Moreen Heine, Universität zu Lübeck

Ich wollte etwas Neues bewegen

Wie Künstliche Intelligenz deutsche Ämter verändert? Moreen Heine ist überzeugt, dass die Digitalisierung der Verwaltung Fahrt aufnimmt. Die Lübecker Wirtschaftsinformatikerin über Geduld, Pragmatismus – und den Wunsch nach Pausen vom Digitalen.

Am Anfang waren die Türen noch geschlossen. Von den immensen Chancen der Digitalisierung für den öffentlichen Sektor war ich dennoch überzeugt. Obwohl es in den etablierten Strukturen, in denen sich Politik und Verwaltung nun einmal bewegen, zunächst schwer für mich war, Gleichgesinnte zu finden. Menschen, die offen dafür waren, über die Potentiale des Themas überhaupt zu diskutieren. Eines musste auch ich in der wissenschaftlichen Beratung lernen: An administrativen und politischen Strukturen hängen Tradition und Gewohnheiten.

Mein Pragmatismus hilft mir in solchen Situationen, Ziele und Möglichkeiten realistisch abzuwägen. Mit der Zeit merkte ich trotz der manchmal reflexartigen Abwehrhaltungen, trotz all jener Stimmen, die eGovernment-Lösungen als Modeerscheinung oder vorübergehenden Trend abtun wollten: Da ist wahnsinnig viel zu tun, da lässt sich etwas Neues bewegen und viel ist noch unklar. Eine Chance also – gerade, wenn man, wie ich, Perspektiven der Sozialwissenschaften und der Informatik einbringen kann. 

In der Nische, die sich auftat, fand ich meine Tätigkeit.

Es war noch ganz zu Beginn meines Studiums in einer, gemessen an dem, was wir heute gewohnt sind, geradezu vordigitalen Uni-Umgebung: ein Seminar zum Thema Internet und Politik, in dem ich merkte, dass mein Platz an der Schnittstelle von theoriebasierter Politikwissenschaft und praktischer Informatik sein könnte. Und so kam es dann auch. Immer schon habe ich mich gefragt, wie man das, was unsere Gesellschaft von jeher zusammenhält, ins Hier und Jetzt übertragen und für die Zukunft weiterentwickeln kann. IT ist für mich dabei niemals nur IT: Es hängen Prozesse daran, Stimmungen, Fähigkeiten. Letztlich geht es um uns Menschen.

Personen versammeln sich um einen Touchscreen. Eine Frau erklärt etwas.

Franziska Strecker / Universität zu Lübeck

Den Wunsch, Menschen und ihre Perspektiven zusammenzubringen, verfolge ich bis heute und habe hier in Lübeck den idealen Ort dafür gefunden. Etablierte Muster wie das Funktionieren der öffentlichen Verwaltung oder einmal feststehende Zuständigkeiten ändern zu wollen, erfordert neben fachlichem Wissen nun einmal einen langen Atem. Dass ich diese Überzeugung aus der Wissenschaft heraus einbringen würde, stand am Anfang noch nicht fest, aber die Gestaltungsmöglichkeiten des Themas faszinierten mich. Umso zufriedener bin ich, mit dem Joint eGov and Open Data Innovation Lab der Universität Lübeck an einem Ort wirken zu können, wo mein Team und ich gemeinsam mit Unternehmen, Verwaltungen und anderen Partnern an effizienten Strukturen und Prozessen für die Verwaltung von morgen arbeiten. Jeden Tag aufs Neue. Selber von den Chancen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft überzeugt zu sein und, so wie ich, den eigenen Alltag mit diesen Möglichkeiten zu gestalten, ist nämlich nur der erste Schritt. Ebenso muss man Partner finden und die Bereitschaft herstellen, dass einem auch zugehört wird. 

Digitalisierung der Verwaltung brauchte den Druck von allen Seiten.

Frau mit AR-Brille

Daniel Wessel

Heute habe ich immer öfter das Gefühl, dass Politik und Verwaltung das nötige offene Ohr haben, dass der Funke überspringt. Viele sind derzeit überrascht, was alles gut funktioniert und welche Vielfalt an kreativen Lösungen uns der oft kritisch hinterfragte Föderalismus bei der Anpassung von öffentlicher Verwaltung bietet. Ich finde, diese Bereitschaft, sich spontan auf neue Umstände einzulassen, kann sich unsere Verwaltung zugute halten. Dennoch brauchen wir für weitreichendere Fragen auch Debatten und Antworten, die nicht spontan zu haben sind. Die Frage zum Beispiel, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz in der Verwaltung haben soll, erfordert die Diskussion mit der gesamten Gesellschaft. Es geht hier um viel. Es geht um hochautomatisierte oder autonome Entscheidungen, bei denen die Diskussion über Ausnahmen nicht zur Regel werden sollte.

Die Auswirkungen solch weitreichender Fragen können am Ende nur Politik und Wissenschaft gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern verhandeln. Ich wünsche mir eine Verständigung darüber, welche Pausen zum Reflektieren unseres eigenen Handels wir uns erlauben wollen. Diese Pausen sind für mich schon heute abseits der Wissenschaft unglaublich wichtig, regen mich zu neuen Ideen an und so versuche ich auch vorzuleben, dass nicht jede Situation unseres Alltags per Smartphone-Kamera gleich festgehalten und geteilt gehört – an der Universität, in meiner Familie, gegenüber mir selbst.

Ich merkte, dass Open Data alleine noch keine Transparenz bringt.

Die Politik über die Möglichkeiten der Digitalisierung beraten, den Fragen, die sich dort stellen, auf den Grund gehen zu wollen und dabei nie aus dem Blick zu verlieren, dass innovative technische Lösungen alleine noch keinen Fortschritt bringen, bleibt eine spannende Aufgabe. Für uns alle. Nur Open Data beispielsweise bringt uns, davon bin ich überzeugt, per se noch keine Transparenz. Es kommt vor allem auf die Fähigkeit an, die bereitgestellten Daten zu analysieren und diese Analysen dann wiederum zu hinterfragen. Dabei helfen uns Journalistinnen und Journalisten, eine kritische Öffentlichkeit. Letztendlich alle Menschen, mit denen gemeinsam ich die digitale Gesellschaft gestalten möchte. 

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