Sabine Schormann

Im wahrsten Wortsinn Freiraum schaffen

von Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta

Im wahrsten Wortsinn Freiraum schaffen

Ohne Innovation ist Kunst undenkbar. Sie entsteht aber selten durch einen Aha-Moment, sondern meistens durch harte Arbeit, sagt Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta fifteen. Dabei sieht sie sich als doppelte Vermittlerin – zwischen Erkenntnis und Kunst sowie zwischen Kunst und Publikum. Denn Kunst ist eine Ressource, die sich nur gemeinschaftlich erhalten lässt – wie sie hier ausführt.

Ich sehe mich nicht als genuin innovativer Mensch – also in dem Sinn, dass ich komplett neue Dinge erfinde. Aber anderen, die das können, zu ermöglichen, ihre Ideen voranzubringen, viele Fäden aufzugreifen und zu etwas Neuem zu verbinden, darin sehe ich meine Rolle. Dabei kommt es auf einen weiten Blick an – also zu erkennen, dass etwas Potenzial hat, auch wenn es auf den ersten Blick ungewöhnlich oder schwierig erscheint. Entscheidend ist aber gegenseitiges Vertrauen. Ich möchte den Künstlerinnen und Künstlern die Freiheit geben, ihren eigenen Weg zu gehen, und sie dabei konstruktiv begleiten. Im wahrsten Sinne des Wortes möchte ich ihnen Freiraum lassen.

Der künstlerische Prozess ist schließlich jeweils sehr verschieden. Manche ziehen sich in ihr stilles Kämmerlein zurück, andere tauschen sich ständig aus. Kunst entsteht – anders als das Klischee vermuten ließe – selten durch einen Aha-Moment, sondern meistens durch sehr harte, sehr präzise Arbeit, die viel Geduld erfordert. Deswegen ist Durchhaltevermögen besonders wichtig. Den Künstlerinnen und Künstlern dabei meinerseits mit Geduld zur Seite zu stehen, die Umstände herzustellen, dass sie überhaupt arbeiten können und so innovativ sind: Das ist meine Aufgabe.

Wichtig ist, dass das Wissen der Künstler vermittelt wird.

Der andere Teil meiner Arbeit ist dann die Vermittlung – also das, was dabei entstanden ist, so darzustellen, dass es viele Leute anspricht. Ob das nun die Bäuerin ist oder der Wissenschaftler, wichtig ist, dass die Künstler ihr Wissen an sie vermitteln. Im besten Fall trägt das zur weiteren Inspiration bei. Bei mir kam die Inspiration aus dem Elternhaus und der Schule, so konnte ich mich schon sehr früh mit Kunst und Kultur beschäftigen. Das habe ich vertieft, als ich Germanistik, Kunst und Philosophie studiert habe.


Während meiner Promotion habe ich im Goethe-Museum in Frankfurt gearbeitet, auf einer ganz normalen Hilfswissenschaftlerinnen-Stelle – dort konnte ich dann in die Organisation von Ausstellungen hineinriechen. Da habe ich gemerkt, Projekte zu organisieren und voranzubringen, das liegt mir. Versuchen, möglichst viele andere anzuregen: Das habe ich seitdem eigentlich mein ganzes Leben lang gemacht. Zum Beispiel, als ich für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz den Tag des offenen Denkmals für Deutschland konzipiert und umgesetzt habe. Auch bei dieser Kulturaktion ging es ja darum, bundesweit sehr viele Menschen zu überzeugen, dabei mitzumachen.

Als Comiczeichner François Schuiten seine Vision für einen Ausstellungspavillon auf eine Serviette zeichnet – Gänsehautmoment!

Dabei spielt Innovation immer eine wichtige Rolle. Künstlerinnen und Künstler sind aus meiner Sicht Menschen, die ein besonders gutes Gespür dafür haben, welche Dinge in einer bestimmten Zeit relevant sind. Diese Dinge greifen sie dann auf und übersetzen sie in optische Werke. Bei der Expo 2000 in Hannover war das ganz explizit, als ich die Ausstellungen „Planet of Visions“ und „Das 21. Jahrhundert“ geleitet habe. Da haben wir gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern frühere Zukunftsvisionen detailliert dargestellt, um in ihnen Dinge zu erkennen, aus denen wir für unsere eigene Zukunft lernen können. Damals hat der belgische Comiczeichner François Schuiten die Szenographie von „Planet of Visions“ erstellt.

Ich weiß noch wie heute, wie er für uns beim Abendessen seine „Vision“, - nämlich das Paradies als Sinnbild einer besseren Welt als Garten von der Decke hängend und sich im Wasser spiegelnd sowie ein Panorama der Utopien - für den Ausstellungspavillon auf eine Serviette gezeichnet hat. Das war ein Gänsehautmoment. Und ein Beispiel für disruptive Innovation aus der Kunst! Das hat uns sofort überzeugt, hat aber auch alles über den Haufen geworfen, was wir bis dahin gemacht hatten. Ich bin dann losgezogen, um die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass das eine geniale Art und Weise ist, ihre Ideen zu vermitteln. Das ist mir gelungen – und wir haben den Pavillon exakt so gebaut, wie er auf der Serviette konzipiert war. Beim Publikum kam das sehr gut an, der Andrang war immens.

Kunst ist immer ein gemeinschaftliches, sinnliches Erlebnis

Es kam also alles zusammen, worum es mir geht: Die Vermittlung zwischen Erkenntnis und Kunst, und dann wiederum zwischen Kunst und Publikum. Das ist auch ein gemeinschaftliches, sinnliches Erlebnis. Und deswegen bin ich weiterhin zuversichtlich, dass sich die Menschen auch im Zeitalter der Digitalisierung noch auf den Weg machen werden, um Kunst zu erleben – selbst wenn sie virtuell jederzeit Zugang dazu haben. Zum Beispiel auf der documenta. Diese Gemeinschaft zwischen Kunst und Gesellschaft wird auch dadurch unterstrichen, dass die documenta fifteen von dem indonesischen Künstlerinnen- und Künstlerkollektiv ruangrupa kuratiert wird. Ihr Arbeitsprinzip nennen sie „lumbung“, das indonesische Wort für eine kollektiv genutzte Reisscheune. ruangrupa sieht Kunst als gemeinschaftliche Ressource, so wie Zeit, Raum oder Wissen. Und diese Ressourcen lassen sich nur gemeinschaftlich erhalten.

Aufzeichnung der Diskussion "Die Kunst, Neues zu schaffen – Was das #innovationsland von Kunst und Kultur lernen kann"

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