Paul Bühre

Jetzt geht es auf Teufel komm raus ums gute Gewissen

Acht politische Gedanken vom unpolitischen Paul Bühre

Jetzt geht es auf Teufel komm raus ums gute Gewissen

Als die „Stimme seiner Generation“ klärte Paul Bühre mit 15 Jahren Erwachsene darüber auf, „was wir wirklich denken, wenn wir nichts sagen“ – so der Untertitel seines Bestsellers „Teenie Leaks“. Nach der Schule veröffentlichte er ein weiteres Buch, im Mai macht der 22-Jährige seinen Bachelor in Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation. Er behauptet, gänzlich unpolitisch zu sein – und lieber Klettern zu gehen, als im Internet zu surfen. Er folgt keinen Influencern, trifft aber gerne Leute. Das macht ihn zu einer repräsentativen, jungen politischen Stimme.

I

Kürzlich hat Paul Bühre einen Comic fertiggestellt und selbst gedruckt. „Detective Moon“ handelt von einem halbmondgesichtigen Detektiv, der Fälle mit seinem Freund, einem einarmigen Affen, in dessen Nudelladen löst. Der Comic war sein Lockdownprojekt. Er hat ihn nur für sich und seine Freunde gezeichnet. Zur Unterhaltung.

Paul Bühre: Wenn über systemrelevante Berufe geredet wird, dann fehlt da der Unterhaltungsaspekt. Ich finde Unterhaltung extrem systemrelevant. Wenn ich in den vergangenen Monaten keine guten Spiele zu spielen gehabt hätte, keine guten Bücher zu lesen, keine Filme zu gucken, dann wäre das sehr traurig gewesen.

II

Dass er politisch aktiv sei, verneint Paul Bühre. Er sei nichts Besonderes. Möglicherweise empfindet er das so, weil er als Teil der jüngeren Generation den Vergleich zu älteren Generationen gar nicht ziehen kann. Dabei spiegeln sich politische und soziale Themen schlicht im Zeitgeist der Anfang 20-Jährigen wider:

Paul Bühre: Leute in meinem Alter waren auf Friday-For-Future-Demos, wir beschäftigen uns mit Nachhaltigkeit, damit vegan zu sein, Gendern ist ein Thema – vor allem an Unis. Black Lives Matter war natürlich für alle eine sehr große Angelegenheit. Wir mussten zum Abschluss an der Uni ein Kommunikationsprojekt für einen Partner erstellen und die Professorinnen und Professoren meinten, es seien noch nie so viele politische oder ideologisch aufgeladene Projekte gewesen. Also im Sinne von: Wir wollen helfen, wir wollen Emanzipation, wir wollen Gleichberechtigung – und nicht: Wir wollen einen coolen Spot drehen für ein cooles Produkt. Jetzt geht es auf Teufel komm raus ums gute Gewissen.

Jetzt geht es auf Teufel komm raus ums gute Gewissen.

III

Ist das ein Widerspruch? „Auf Teufel komm raus“ das Richtige tun?

Paul Bühre: Der Umgang mit ideologischen Themen kann ja scheinheilig sein. Ich möchte jetzt keine Marke nennen, aber hinter den Kulissen sieht es ja oft anders aus. Aber das ist ja häufig so: Wenn eine gute Bewegung anfängt, nutzen diese viele aus, um ihr Produkt zu vermarkten. Deswegen bin ich nicht gegen die ganze Bewegung, aber man muss auch darüber nachdenken, wer welche Interessen verfolgt.

IV

Politisch zu sein, wäre für Bühre, sich an Demonstrationen zu beteiligen, zu Kundgebungen aufzurufen oder politische Texte zu schreiben. Er beobachtet die gesellschaftlichen Entwicklungen nur.

Paul Bühre: Schade ist, wenn ich einer Person begegne und dabei nur auf eine ideologisch-emotional aufgeladene Hülle treffe, aber die Person dahinter nicht kennenlerne. Die Ideologien sind manchmal aufgesetzt und oberflächlich, weil es gesellschaftlich von einem erwartet wird. Ich war immer eher zurückhaltend gegenüber der Meinung der Mehrheit. Ich meine, es ist ja ein gutes Ziel, wenn wir wollen, dass alle gleichbehandelt werden. Das bestreiten ja auch die wenigsten. Aber die Differenziertheit im Umgang mit Themen fehlt mir manchmal. Am Anfang der Black-Lives-Matter-Bewegung in Deutschland kam mir die Bewegung sehr amerikanisiert vor. Wir haben in Deutschland einfach eine andere Geschichte und andere Erfahrungen mit Rassismus. Ich finde es trotzdem wichtig, dass die Debatte Aufmerksamkeit bekommt, und finde es gut, dass viele Solidarität gezeigt haben. Schade ist nur, dass viele politische Themen – ähnlich wie Trends – immer kürzere Explosionen haben und danach fast komplett wieder verschwinden. Da fehlt dann doch die Nachhaltigkeit.

Die Differenziertheit im Umgang mit Themen fehlt mir.

V

Wenn über politisch engagierte Menschen und vor allem junge Menschen gesprochen wird, dann wird ihre Aussagekraft häufig durch die Anzahl der Followerinnen und Follower in den Sozialen Medien bestimmt. Influencerinnen und Influencer werden als Zeugen ihrer Generation zitiert. Es wird angenommen, dass sich alle jungen Menschen auf Instagram bewegen – dabei sind es nur knapp ein Viertel der Menschen zwischen 18 und 24 Jahren. Und diese sind nicht zwangsläufig wegen des politischen Meinungsaustausches dort, wie Paul Bühre weiß.

Paul Bühre: Ich bin eher ein passiver User. Mir liegt das nicht so, mich da zu exponieren, obwohl ich mir der Notwendigkeit von Instagram durchaus bewusst bin, wenn es um Produktmarketing geht. Ich bin auch nicht mit all meinen Freunden auf Instagram connected. Ich folge dem Fantasy-Autor Neil Gaiman – den würde man jetzt nicht als Influencer bezeichnen – und nutze Instagram, um zu sehen, was andere Comiczeichner so machen. Möglicherweise spielen Influencerinnen und Influencer eine größere Rolle bei Leuten, die insgesamt mehr auf Instagram unterwegs sind. Ich kenne mich zu wenig mit Influencern aus, um zu sagen: Die sind so oder so. Es ist ja oft auch Werbung und einfach ein Job, also Markenkommunikation. Und ich glaube, in jedem Job gibt es ein paar Knalltüten. Wenn man die als Aushängeschild nehmen würde für die ganze Branche, dann sähe es ja echt bitter aus.

Paul Bühre

Konstantin Nowotny

VI

Politik und Meinungsbildung geschieht bei Paul Bühre im privaten Bereich mit Familie sowie Freundinnen und Freunden und speist sich aus persönlichen Erfahrungen.

Paul Bühre: Als meine peruanische Freundin mich besuchte, begann plötzlich der Lockdown und sie konnte nicht mehr zurückfliegen. Gleichzeitig durfte sie offiziell nicht länger hierbleiben, weil sie keine Aufenthaltsberechtigung hatte. Dann fängt man an, in all diese Ämter zu gehen und erfährt, was deutsche Bürokratie bedeutet – und wie man hier mit Leuten umgeht, die nicht hier aufgewachsen sind. Zu erfahren, wie schwierig es ist, einfach nur hier sein zu dürfen, wenn man nicht europäischer Staatsbürger ist, war krass. Meine Eltern und ich haben viel Zeit und Energie aufgewendet und jetzt studiert sie in Berlin. Aber es war ein langer Prozess. Herkunft hatte für mich vorher noch nie eine Rolle gespielt.

Ich habe etwas über meine eigene Ignoranz gelernt.

VII

Auch wenn der Frust über mangelnden Sport im Verein während des Corona-Lockdowns groß war, hatten die Maßnahmen für Bühre auch eine positive Seite: Er musste keine Fernbeziehung mehr mit seiner Freundin in Südamerika führen. Gleichzeitig haben ihm die Videochats mit ihrer Familie Dankbarkeit und Demut gelehrt.

Paul Bühre: Es war erschreckend zu erfahren, dass es in Peru von Beginn an nicht genug Beatmungsgeräte gab und dass manche Menschen einfach arbeiten gehen müssen, um zu überleben. Jetzt geht es darum, wer bekommt eine Impfung und wie viel müssen Länder für Impfungen bezahlen. Da hat sich bei mir im politischen Bewusstsein etwas getan – nicht durch Bildung, sondern persönliche Erfahrung. Ich habe etwas über meine eigene Ignoranz gelernt. Meine Sorge ist, dass die Gesellschaft und die Politik nichts daraus lernen. Ich hoffe, dass wir für die Zukunft besser vorbereitet sind. Und die ganze Situation hat mich auch darüber nachdenken lassen, wie sich Arbeit in Zukunft verändern wird. 

VIII

Der Corona-Lockdown hat Paul Bühres letztes Studienjahr begleitet. Noch einmal wünscht er keinem Studierenden diese Zeit.

Paul Bühre: Es gibt so Tage: „The Endless Zoomcall“. Ich glaube, das müsste mal jemand als Horrorfilm umsetzen. Wo man von einem Zoom-Call, von einer Hölle in die nächste fällt. Der persönliche Austausch mit dem Sitznachbarn, ob lustig oder ernsthaft, fehlt einfach. Diese Erfahrung kann man online nicht machen.

Teaserliste (Story, Magazin) 2259

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