Mehr über Möglichkeiten als über Risiken sprechen

möchte Stephanie Kaiser, Gründerin einer digitalen Gesundheitsplattform

Mehr über Möglichkeiten als über Risiken sprechen

Stephanie Kaisers Mission: Die medizinische Grundversorgung für jede und jeden Einzelnen verbessern. Dazu arbeitet sie an digitalen Lösungen mit, etwa der Corona-Warn-App. Vorbehaltlos geht sie auf die Kritik an Digitalisierung ein. Denn sie weiß: Nur eine differenzierte, offene Kommunikation nimmt den Menschen die Angst vor KI. Eine Intelligenz, die wir bereits viel häufiger nutzen, als uns oft bewusst ist. 

Die Skepsis bei vielen Menschen kann sie durchaus nachvollziehen. Weil KI und Digitalisierung große, vage Begriffe seien, die schnell negative Hypothesen hervorriefen. Wie zum Beispiel die Annahme, dass eine Gesundheits-App einem nach Eingabe von Krankheitssymptomen raten könnte, direkt in das nächste Krankenhaus zu fahren, nur um hier Belegbetten zu füllen. Mit solchen Ängsten vor Missbrauch konfrontiert, beruhigt Kaiser: „Wir müssen in konkreten Anwendungen und echten Fällen denken und nicht aus Sorge davor, was wir nicht wollen, gar nicht starten.“ Kritisch sieht sie auch, dass viele Menschen hinsichtlich ihrer privaten Daten einen sehr freimütigen Umgang mit Facebook-, Apple- und Google-Applikation haben, gleichzeitig aber den Staat bei der Entwicklung digitaler Gesundheitslösungen penibel genau unter die Lupe nehmen. Hier hofft sie, mit ihrem pragmatischen Ansatz bei der Aufklärung zu helfen: „Ich frage immer: Welches konkrete Problem soll das Produkt lösen?“

„Wir müssen mehr über die Vorteile von Datennutzung reden, nicht nur über potentielle Fehler.“

Manche Dinge machen Stephanie Kaiser ungeduldig. Zum Beispiel, wenn sie mit ihrer dreijährigen Tochter, die offensichtlich eine Bindehautentzündung hat, zwei Stunden in einem vollen Wartezimmer hustender Kinder sitzen muss – und die Ärztin dann nur einen kurzen Blick auf ihr Kind wirft und eine antibiotische Salbe verschreibt. Dann fragt sie sich, warum man so etwas nicht auch in einer Videosprechstunde erledigen kann.

Bei Kaiser geht es oft um die Gegensätze klein und groß. Nicht, weil sie sich selbst gedanklich in diesen Kategorien bewegt. Sie denkt sehr analytisch und differenziert. Aber wenn es um „Künstliche Intelligenz“ und „Digitalisierung“ geht, dann haben die meisten Menschen große, abstrakte Begriffe im Kopf. Die Dimension macht vielen sogar Angst. Diese möchte Kaiser ihnen nehmen. Der Mensch steht für sie immer im Vordergrund. Und sie ist überzeugt: „Digitale medizinische Produkte führen zu einer großen Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung, auch, wenn nur kleine Anwendungen genutzt werden.“ 

„Es klafft eine Lücke zwischen den Möglichkeiten und der Realität.“

Wie die Zyklus- und Fruchtbarkeitstracker-App „Clue“, für die Kaiser das Produktmanagement geleitet hat, oder der schwarze Ring, den sie am Mittelfinger trägt, um ihren Schlafrhythmus zu protokollieren. Die Rostockerin ist Geschäftsführerin und Gründerin der Plattform „Heartbeat Labs“, die digitale Gesundheitslösungen entwickelt. „Jeder von uns hat bereits einen Supercomputer in der Hosentasche, der gesundheitsrelevante Daten speichern kann. Aber es gibt eine Lücke zwischen den Möglichkeiten und der Realität“, sagt sie. Hier will sie eine Brücke bauen, denn sie weiß, dass Menschen besorgt sind, wenn es um die Digitalisierung ihrer gesundheitlichen Daten geht. Dabei geht es ihr nicht darum, jedes Detail unseres Lebens zu digitalisieren, sondern menschliche Lösungen zu schaffen.

Gerade in einem solidarischen Gesundheitssystem sind die Sammlung und der Vergleich großer, anonymisierter Datensätze wichtig, um im Kleinen zu helfen. Etwa bei MRTs in der Brustkrebsfrüherkennung oder eben aktuell bei der Corona-Warn-App. Hier wurde zunächst viel über Datenschutz, -speicherung und -zugang gesprochen. „Persönliche Daten, gerade im Gesundheitswesen, sind das höchste Gut.“ Dass diese geschützt bleiben, ist für Kaiser Grundvoraussetzung für jede Anwendung und Entwicklung. Ihr Ansatz: kleine, einfache Lösungen, nutzerzentriert und menschlich. Und nur, wenn man den konkreten Anwendungsfall hat, „kann man über die echten Risiken reden und darüber nachdenken, wie man etwas regulieren muss, damit diese Risiken nicht eintreten“.

Beispiel Corona-Warn-App: Die App speichert nur anonymisiert einen anderen App-Nutzer, den man länger als 15 Minuten getroffen hat. Sie hat keinen Zugriff auf Telefonkontakte, Fotos, Dateien, private Kommunikation – im Gegensatz zu gängigen Social-Media-Apps wie WhatsApp. Sogar der Chaos Computer Club beschrieb die Entwicklung der App als vorbildlich wegen der Transparenz und der Einbeziehung der Ratschläge der Community. Eine solch offene Kommunikation zu neuen digitalen Entwicklungen wünscht sich Kaiser generell, damit diffuse Ängste verschwinden. Sie plädiert für eine differenziertere Betrachtung: „Wir müssen mehr über die Vorteile von Datennutzung reden, nicht nur über potenzielle Fehler. Wir brauchen mehr Freude und mehr Optimismus beim Ausprobieren neuer digitaler Anwendungen!“

„KI und Digitalisierung – diese großen Begriffe sollten uns nicht ängstigen. Es geht immer um den Menschen.

Bei aller Begeisterung für digitale Produkte im medizinischen Bereich sucht Kaiser immer wieder den Außenblick: Was geht, was funktioniert nicht? Die von Heartbeat Labs mitentwickelte Plattform kinderheldin.de setzt auf telemedizinische Versorgung. Hebammen geben Schwangeren online Rat und leiten z. B. Geburtsvorbereitungskurse. Digitale Leistungen, die von einigen Krankenkassen übernommen werden. Sie stellt aber klar: „KI wird nie den Arzt ersetzen.“ Wer im Behandlungsstuhl während des Bohrens beruhigende Worte einer vertrauten Ärztin oder eines vertrauten Arztes hört, fühlt sich gleich besser. Diese Empathie und Kommunikation kann ein Roboter nie ersetzen. Telemedizin ist nicht für alle, aber für viele Indikationen geeignet. Wie bei einer Bindehautentzündung.

Mehr Beiträge