Juliane Eller läuft durch ein Weinfeld

Mein Bauchgefühl ist der Kompass

von Juliane Eller, Winzerin und kreativer Kopf von JUWEL Weine

Mein Bauchgefühl ist der Kompass

Juliane Eller ist gerade 23 Jahre jung, als die Existenz der Familie auf ihren Schultern ruht. Eine enorme Verantwortung, die sie mit Elan annimmt – und den Betrieb ihrer Eltern radikal umbaut: Handarbeit statt maschineller Traubenlese und neue Vertriebswege über soziale Medien zählen zu den Erfolgsfaktoren – vor allem aber der familiäre Teamspirit, wie sie hier berichtet.

Blicke ich zurück auf das, was wir in den vergangenen sieben Jahren geleistet haben, bin ich stolz – vor allem aber dankbar. Meinen Eltern dafür, dass sie etwas aufgebaut haben, das ich ausbauen konnte. Und für ihr Vertrauen in mich und meine Ideen. Dass Neues entstehen konnte, liegt an dem fabelhaften Fundament. Man muss sich das mal vorstellen: Da sind meine Eltern, Anfang fünfzig, und die legen ihre Existenz in die Hand ihrer Tochter, die mit 23 Jahren ihr Hochschulstudium Weinbau und Oenologie abgeschlossen hat. Heute bin ich 30 und frage ich mich, ob ich jemals diese Größe aufbringen kann, vielleicht eines Tages ebenfalls so loszulassen und zu vertrauen.

Welche Werte man mir mitgab? Fleiß und Zielstrebigkeit.

Ob es die Region ist, die einen Menschen prägt, oder das soziale Umfeld? Keine Ahnung. Wir sind bodenständige Leute, wir leben in Demut vor der Natur. Beharrlichkeit zeichnet uns aus, sicher auch Bescheidenheit. Um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: Von nichts kommt nichts. Sicher, ich habe den Druck gespürt. Ich habe ja anfangs nur Kosten produziert. Das Umstellen von Fassweinen auf Flaschenweine, von maschineller Produktion auf ökologische Handarbeit erforderte Investitionen. Und dann mussten noch zusätzlich nicht unerhebliche Summen ins Marketing gepumpt werden wie beispielsweise das „Erschaffen“ unserer Marke JUWEL Weine. Ich weiß noch, wie skeptisch mein Vater war, als es mit unserem Online-Shop losgehen sollte. „Wer klickt sich denn Wein ins Wohnzimmer? Da muss man doch vorher probieren!“, meinte er damals. Inzwischen folgen mir 33.000 Leute bei Instagram und wer will, ordert gleich dort. Selbstverständlich gab es ein Ringen um den richtigen Weg.

Teamfoto von Juwel Weine

Peter Bender

Am Ende schweißt uns das Unternehmen zusammen.

Natürlich waren meine Eltern auch skeptisch. Aber wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, klären wir die. Das ist eigentlich nie stressig. Wahrscheinlich, weil wir ein gemeinsames Ziel haben: Es geht ja um unsere Lebensgrundlage. Dafür arbeiten wir fast rund um die Uhr, jeder auf seine Weise. Wir gehen uns erstaunlich wenig auf die Nerven, wenn man bedenkt, wie viele Stunden wir zusammen verbringen. Es läuft gut, denn wir sind Teamspieler. Dass das jüngste Teammitglied die Impulse setzt, mag ungewöhnlich sein, aber es funktioniert. Allerdings war es auch nicht so, dass ich am 21. Juli 2013, zwei Tage nach meinem Abschluss, allein das Ruder an mich gerissen und alle wie auf der Galeere habe schwitzen lassen. Niemals würde ich den Rat und die Expertise meiner Familie ignorieren.

Wir zeigen alte Tugenden in den Neuen Medien.

Auch wenn ich das Spiel mit den sozialen Medien beherrsche und unsere Produkte gerne inszeniere, arbeite ich im Grunde genommen wie die Generation vor mir. Die Natur gibt den Takt vor, und dass ich oft abends um 23 Uhr noch am Schreibtisch sitze, gehört auch zur Wahrheit. Rückblickend wundere ich mich manchmal, welche Haken das Leben schlägt. Denn wenn ich eines nicht wollte, dann war es dieses vom Weinberg geprägte 24/7-Leben meiner Familie. Kaum Freizeit, so gut wie nie Urlaub. Eigentlich hatte ich bei meiner beruflichen Karriere an einen Nine-to-Five-Job gedacht. Etwa als Schreinerin, die mit Naturmaterial arbeitet, denn es ist schon so, dass mein Sinn fürs Handwerk sehr ausgeprägt ist. Und dann kam dieses großartige Praktikum im Weingut Keller – wie eine Offenbarung!

Bei Julia und Klaus-Peter Keller habe ich erlebt, wie Weine auf ein „neues“ Niveau gebracht werden. Das war nicht bloß Broterwerb, das war Weinanbau als Lebenskultur. Und wahnsinnig erfolgreich. Plötzlich war der brave Riesling international gefragt. Deutscher Weißwein wurde ein Exportschlager, von der internationalen Weinkritik elogenhaft bejubelt. Mit der Folge, dass Kunden aus den umliegenden Städten mit ihren großen Autos vorfuhren und Weinkisten in den Kofferraum wuchteten. Keller ist wie ein Leuchtturm, er hat es geschafft, den Ort Flörsheim-Dalsheim mit seinen 3.000 Einwohnern bekannt zu machen.

Erfolge kopieren klappt nicht. Es braucht den eigenen Weg.

Juliane Eller läuft durch ein Weinfeld.

JUWEL Weine

So etwas in dieser Art wünsche ich mir auch für unseren 2.800-Seelen-Ort Alsheim. Unsere Weinbaugegend Rheinhessen hat wahnsinniges Potential. Auch möchte ich meinen Teil dazu beitragen, die Region weiter voran zu bringen – inspiriert durch die Vorarbeit von anderen Winzerfamilien. Toll wäre es, weitere junge Frauen dazu zu bewegen, ebenfalls auf dem aufzubauen, was Generationen vor ihnen geschafft haben – ähnlich wie es bei uns gelaufen ist. Ich freue mich, dass ich durch meine Geschichte für manche Vorbild sein kann und unter Umständen andere dazu ermutige, ihren eigenen Weg zu gehen. Klar ist aber auch, dass man nichts kopieren kann. Man sagt diesen Spruch immer so lapidar, aber ich bin überzeugt davon, dass es so läuft: Wer seinen eigenen Weg geht, kann nicht überholt werden.

Wenn ich auf meinen bisherigen Weg zurückschaue, bin ich fast erstaunt, mit welch jugendlicher Unbekümmertheit ich losgelaufen bin. Heute, mit dreißig, bin ich längst nicht mehr so unbeschwert. Manchmal neige ich dazu, Dinge zu „zerdenken“. Dass ich jetzt allerdings zur Planerin geworden bin, kann ich nicht sagen. Nach wie vor höre ich auf mein Bauchgefühl, das ist ein guter Kompass. Was mir für die nächsten sieben Jahre vorschwebt? Die Qualität zu halten bzw. Jahr für Jahr zu steigern. Dafür zu sorgen, dass alle happy sind. Und ich mich selbst etwas verzichtbarer machen kann.

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