Unsere Tradition ist unser Markenzeichen

von Andreas Bruckschlögl, Mitgründer von Ryte und Bits & Pretzels

Unsere Tradition ist unser Markenzeichen

Mit zwölf Jahren belebt er das Taschengeschäft seiner Mutter durch Suchmaschinenoptimierung. Mit 17 setzt er sein Online-Modegeschäft in den Sand. Inzwischen ist Andy Bruckschlögl CEO von Ryte, einem der am schnellsten wachsenden deutschen Digitalunternehmen, und Organisator des Gründerfestivals „Bits & Pretzels“. Identität, Tradition und Gelassenheit sind seine Erfolgszutaten.

Ich bin da, wo ich bin, weil mir viele Menschen etwas mitgegeben haben – und das wollte ich zurückgeben. Deswegen habe ich gemeinsam mit Bernd Storm van's Gravesande und Felix Haas mit der Bits & Pretzels eine Plattform für die Gründerszene geschaffen, auf der man voneinander lernen kann und wo es ehrliches Feedback gibt. Dieses Jahr lassen wir das Festival komplett digital ablaufen! Ob analog oder digital: Es soll ein Erlebnis sein, das viele Dinge kombiniert: harte Arbeit, Networking, Input, aber auch Spaß. Das Leben ist zu kurz, um den Spaß zu vernachlässigen. 

Das habe ich auch erst mit der Zeit lernen müssen. Ja, es geht als Gründer darum, erfolgreich zu sein, viel zu arbeiten, viel Disziplin zu haben. In den ersten Jahren, in denen ich Ryte gegründet hatte, habe ich verbissen gearbeitet und mich selbst unter enormen Druck gesetzt. Da war ich auch manchmal cholerisch. Das gespiegelt zu bekommen vom Team und anderen Gründern, das tat schon weh. Als erfolgsgetriebener Mensch muss man einfach lernen, dass Gelassenheit nicht Gleichgültigkeit bedeutet. „It’s a journey, not a race!“ 

It’s a journey, not a race

Der Weg fing bei mir 2002 mit zwölf Jahren an. Ich kaufte bei Mediamarkt eine Zwei-Megapixel-Kamera. Mit der habe ich die Rucksäcke aus dem Taschengeschäft meiner Mutter fotografiert und auf eBay gestellt. Der erste Rucksack hat sich nicht verkauft. Also habe ich mir überlegt: Wie kann ich das besser machen? Das war klassisch die erste Suchmaschinenoptimierung: Welche Wörter packe ich in den Titel? Originalpreis? Bessere Beschreibung? Ich habe das so optimiert, dass mehr Leute meinen Rucksack gefunden haben. Der zweite Rucksack ging dann sogar teurer weg als im Laden, weil das eine Farbe war, die es in anderen Bundesländern nicht mehr gab und ein Vater unbedingt diesen einen Rucksack für seine Tochter wollte. Hier habe ich das erste Mal Blut geleckt und das erste Mal erfahren, wie wichtig es ist, wie etwas klingt, wie es beschrieben und fotografiert ist. Das habe ich für mich immer wieder optimiert und später bin ich zum Dialog- und Onlinemarketing gekommen. 

Lächelnder Mann sitzt vor einem Laptop

Ryte

Das Spannende am Gründertum ist: Du beginnst mit einer Idee, die es noch nicht gab. Und manchmal scheitert man. Das Online-Modegeschäft, das ich mit 17 gestartet hatte, ist wegen der Retourenquoten gescheitert. Das war drei, vier Jahre vor Zalando. Inzwischen sind diese Retourenquoten bekannt. Heute würde ich mir internationale Kooperationspartner suchen, mehr Marken und insgesamt eine andere Bewertung vornehmen. Für mich persönlich war das eine schlimme Zeit. Aber im Nachhinein will ich sie nicht missen, denn ich bin daran gewachsen. 

Ich denke, besonders in diesem Jahr sind wir gefordert uns auf das zu besinnen, was wichtig ist. Wir haben uns für die diesjährige Bits & Pretzels bewusst für eine komplett digitale Veranstaltung und auch gegen eine Mischung aus Präsenz und virtuellem Event entschieden. Die Verantwortung gegenüber den Gästen, aber auch unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist zu groß. Wir wollen nicht dazu beitragen, das Virus zu verbreiten. Manche meiner Kollegen habe ich seit März nur virtuell gesehen. Fast alle sind im Home Office. Das war die richtige Entscheidung, auch wenn Videocalls niemals das persönliche Gespräch und die Energie eines Teammeetings ersetzen können. 

Die Situation als Chance nutzen

Wir wollten aber gleichzeitig herausfinden, wie wir diese Zeit als Chance nutzen können. Welche Möglichkeiten stehen uns jetzt offen? Wir haben beim Erfahrungsaustausch zu Videokonferenzen schnell das Motto der Bits & Pretzels definieren können: „Unsuck virtual conferences“. Niemand will sich lange Vorträge in einem Stream anschauen, dafür gibt es auf YouTube zu jedem Thema genug Content. Bei einer 20 Minuten langen Rede lese ich auf meinem Handy oder hole mir einen Kaffee. Es gibt keine Interaktion zwischen den Teilnehmenden, man kann keine Fragen stellen. Das hat uns an gängigen Formaten genervt.

Wir wollten eine Highspeed-Druckbetankung, deswegen dauern die Speeches maximal sechs Minuten. Danach gibt es sechs Minuten „Questions and Answers“. Anschließend haben die Teilnehmenden immer noch die Möglichkeit, mit der oder dem Speaker in einem virtuellen Raum Fragen zu klären. Im „Founder-Roulette“ werden alle drei Minuten zwei Menschen zusammengewürfelt, die sich austauschen können. So habe ich als Teilnehmender die Möglichkeit, in einer hohen Schlagzahl Menschen zu treffen – und wenn es spannend ist, tauscht man seine Daten aus und macht weiter. 

Unsere bayerische Authentizität zieht an

Vier lächelnde Männer, in der Mitte steht Ex-US-Präsident Obama

Bits & Pretzels

Unsere bayerische Identität und Tradition haben wir von Beginn an authentisch in unser Gründerevent eingeflochten. Diese Authentizität zieht an. In unserem Bereich gibt es am Tag zehn Events. Die Topspeaker bekommen für all diese Events Einladungen. Wenn sie zu uns kommen, tauchen sie in eine andere Welt ein. Das ist etwas, was bleibt. Jeder Speaker bekommt von uns eine Lederhose oder Dirndl. 99 Prozent lassen sich darauf ein. Jessica Alba hat letztes Jahr Selfies an ihre Familie vom Oktoberfestzelt im Dirndl geschickt. Wir sind nicht „just another conference“, sondern ein einmaliges Erlebnis. 

Viele denken: 2019 hattet ihr Barack Obama als Speaker, das muss der Höhepunkt gewesen sein! Der Moment mit Obama war schön, sicher, aber das schönste war eigentlich, auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Der Weg hat so viel Spaß gemacht, mit einem motivierten Team Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein, die Möglichkeiten auszuloten. Das Trachtenunternehmen Meindl hat uns eine Lederhose und Schuhe mit dem Brezel-Logo hergestellt. Wir haben eine Messehalle für 8.000 Leute bestuhlt. Wir sind im Radio rauf und runtergelaufen, selbst meine Oma hat uns gehört! Das sind alles Erlebnisse, die ich lange mitnehmen werde. Das hat mir gezeigt, dass man den Weg zum Ziel viel mehr genießen sollte. Denn wenn das Ziel erreicht ist, dann steht schon wieder das nächste Projekt an. Man ist als Gründer ja immer getrieben vom Nächsten. Gelassenheit und manchmal einfach durchatmen – das tut gut.

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