Miriam Wohlfarth

Vom Zauber des Digitalen

von Miriam Wohlfarth, Gründerin des Fintechs RatePay

Vom Zauber des Digitalen

Sie sprüht nur so vor Ideen und man fragt sich, ob ihre Tage jemals ein Ende finden. Payment-Expertin, Speakerin, Mentorin, Netzwerkerin, Event-Organisatorin, Autorin und Mutter – all das ist Miriam Wohlfarth. Und außerdem: Revolutionärin im Online-Payment, Fintech-Fan, Start-up-Enthusiastin und inzwischen auch Rollenvorbild und Talentschmiedin. Die Gründerin ließ sich nie durch Rückschläge entmutigen. Wie sie das macht, erzählt sie hier.

Auch mein Tag hat 24 Stunden. Glücklicherweise bin ich ein Mensch, der mit sechs Stunden Schlaf auskommt. Zudem bin ich diszipliniert, auch das hilft. Ich kann so viele Bälle in der Luft halten, weil ich tatsächlich etwas tun kann, von dem ich überzeugt bin und das mich absolut begeistert. Hätte mir jemand nach dem Abi prophezeit, dass ich in der Finanzbranche tätig sein würde – ich hätte diese Person für verrückt erklärt. Es war auch nicht so, dass ich dem Zauber des Geldes verfallen wäre. Es ist eher der Zauber des Digitalen, der mich in seinen Bann zog – sozusagen Liebe auf den ersten Blick: Ich war fasziniert von der Start-up-Welt, die in einem atemberaubenden Tempo neue Geschäftsmodelle ermöglichte. Bezahlen mit einem Klick – darüber denkt heute kaum noch jemand nach, aber damals war das eine völlig neue Welt. 

Ich bin auf Umwegen und eher zufällig in der Welt der Fintechs, der Start-ups gelandet. Ohne abgeschlossenes Studium arbeitete ich in der Reisebranche, doch zufrieden oder gar glücklich war ich nicht. Dass ich keinen richtigen Uniabschluss hatte, kratzte schon an meinem Selbstbewusstsein, allerdings nicht so stark, dass ich mich nochmal hingesetzt hätte – da gab es einfach kein Fach, das zu mir gepasst hätte. Und warum sollte ich etwas studieren, das keinen Spaß macht? Zum Glück lernte ich den Niederländer Pieter van der Does kennen, der mit seinem Start-up „Bibit Global Payment Services“ damals neue Wege ging. Heute gehört ihm mit „Ayden“ eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. Pieter ging es nicht um meine Vita, für ihn zählte die intrinsische Motivation. Der Wille, sich auf Neues einzulassen. Und da hat es auch bei mir „Klick“ gemacht – hier konnte ich durchstarten, mich entfalten, Kreativität, Mut und Energie einbringen.

"Driven by passion“: Das Motto meines Mentors begleitet mich.

Miriam Wohlfarth

Jakob Hoff

Schon witzig, wenn ich daran zurückdenke, dass wir mit den Leuten von Skype oder von Bet and Win zusammentrafen – ohne zu ahnen, wie erfolgreich wir alle werden würden. Ich habe mir das Deutschlandgeschäft der „Bibit Global Payment Services“ aufgebaut, habe Fluggesellschaften als Kunden gewonnen. Selbst mein nahes Umfeld hatte keine Vorstellung davon, wie unsere Geschäftsgrundlage aussah, alles war so fremd. „Payment Service Provider“, auf deutsch Zahlungsdienstleister, das klingt ja irgendwie auch sperrig. Bis heute muss ich oft erklären, wie wir unser Geld verdienen. Weitere Station nach „Bibit“ waren für mich der Zahlungsanbieter „Ogone“ und schließlich mein erfolgreiches Projekt „Ratepay“, das ich zwar 2011 verkauft habe, dem ich aber als Geschäftsführerin verbunden geblieben bin. 

Da das Thema längst nicht ausgereizt ist, habe ich vor Kurzem ein weiteres Start-up gegründet. Gemeinsam mit dem Fintech-Anwalt Jens Röhrborn sind wir im September mit unserem Fintech „Banxware“ gestartet. Banxware ermöglicht es jedem Unternehmen, Finanzdienstleistungen anzubieten – eine Art Schnittstelle zwischen Banken, Plattformen und Händlern. Zudem bin ich Mitglied im Bitcom-Präsidium, im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen, gehöre zum Beirat des Bundesverbandes deutscher Start-ups, bin im Aufsichtsrat von Talents Connect, bin Gesellschafterin bei Startup Teens und habe gemeinsam mit Christian Vollmann den Vorstandsvorsitz des Beirats Junge Digitale Wirtschaft inne.

Mir macht es zunehmend Spaß, in Kolumnen und Podcasts über die Themen Gründen, Digitalisierung und auch Rollenvorbilder zu sprechen. Tatsache ist ja, dass es verhältnismäßig wenig Frauen in der Gründerszene gibt, zumal bei Fintechs. Dabei ist es ja nicht einmal so, dass Frauen nicht erwünscht oder ungeeignet sind. Prinzipiell sind sie ja genauso selbstsicher, durchsetzungsfähig und erfahren wie Männer. Und doch beobachte ich, dass Frauen sich das oft nicht zutrauen – keine Ahnung, warum! Irgendwie fehlt das letzte Fünkchen Tatkraft. Vielleicht liegt es an stereotypen und – etwa im MINT-Bereich – fehlenden Rollenvorbildern. Das beginnt im Elternhaus und setzt sich in Kitas und Schulen fort.

Habt Mut und traut euch, das Risiko einzugehen.

Miriam Wohlfarth mit zwei Kolleginnen

Caroline Pitzke

Ich wollte damals gründen und das habe ich getan. Natürlich braucht man ein Grundgerüst, eine gute Idee und einen Mehrwert für den Markt. Wichtig ist aber vor allem, dass man einfach anfängt. Denn es ist für jeden möglich, etwas zu erreichen – solange man mit Leidenschaft dabei ist. 

Was mir noch geholfen hat als Frau in der männerdominierten Bank- und Technikwelt? Eine gewisse Zähigkeit: Ich kann eine Menge aushalten und habe starke Nerven. Natürlich will ich, wie vermutlich alle Menschen, gemocht werden. Aber wenn ich unbequeme Entscheidungen treffen muss oder es Konflikte gibt, die nicht mit einem Kompromiss zu lösen sind, halte ich es auch aus. Und jenseits aller Rollenstereotypen kommt es beim Gründen natürlich auch darauf an, Tiefschläge auszuhalten und Rückschritte wegzustecken. Es geht so unendlich viel daneben – da hilft es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Weitermachen, heißt es dann.

Gedanken ans Scheitern habe ich nie zugelassen.

Diese Mentalität war übrigens auch gefragt, als ich vor einigen Jahren eine Krebsdiagnose erhielt und zwei Operationen vor mir lagen. Aufgeben war keine Option. Was mich zum Durchhalten motiviert hat, war mein Verantwortungsgefühl dem Team gegenüber. 

Verantwortung ist ein wichtiges Stichwort, wenn es um die Auswahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Als Führungskraft wünsche ich mir ein Team, das Verantwortung übernehmen will und divers zusammengesetzt ist. Ich habe in Europa gearbeitet und bin um die Welt gereist – und mit diesen Erfahrungen nehme ich Deutschland als durchaus zögerlich wahr, ohne jetzt Länderstereotype bedienen zu wollen. Mehr Enthusiasmus täte sicherlich gut! Diese Enthusiasten wollen wir finden. Leute, die „cool im Kern“ sind. Dabei geht es nicht um Coolness im Erscheinungsbild, sondern um die mentale Ausstattung: Leute, die wirklich Lust haben, etwas Neues zu schaffen, die neue Wege gehen wollen. Menschen, die hart arbeiten, die aber auch das Leben lieben, die offen sind und tolerant. Das verlangt intrinsische Motivation. Das ist die beste Basis für vertrauensvolles Arbeiten.

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