Regina Schmeer

Weniger Science Fiction, mehr Wissenschaft und Empathie

von Regina Schmeer, Medizinische Hochschule Hannover

Weniger Science Fiction, mehr Wissenschaft und Empathie

Sie verliert sich nicht in Wolkenkuckucksheimen. Utopien ohne Bodenhaftung sind nicht ihr Ding. Als Projektkoordinatorin im Pflegepraxiszentrum Hannover kommt Dr. Regina Schmeer ihr ausgeprägter Realitätssinn zugute. Sie will mit Hilfe technischer Innovationen die Pflegenden entlasten – und mehr Zeit gewinnen für die Zuwendung zum Menschen. Hier beschreibt sie, was sie und ihr Team in der Station der Zukunft ausprobieren.

Beobachten. Zuhören. Analysieren. Diskutieren. Ausprobieren. Umsetzen. Das sind Kernbegriffe für unsere Arbeit im Pflegepraxiszentrum in Hannover. Wir sind Teil des Clusters „Zukunft der Pflege“. Damit unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Zusammenspiel von digitaler, technischer und pflegewissenschaftlicher Expertise. Wir haben das Privileg, neue Technologien im Alltag der Pflege einzusetzen. Wir probieren heute aus, was das Morgen besser machen könnte.

Wie die Praxis aussieht? Weniger sciencefictionmäßig, als manche vermuten. Bei uns verteilen nicht Roboter die Medikamente. Pflegende betreten wie üblich die Zimmer – und werden auch nicht via Screen zugeschaltet. Auf den ersten Blick ist unsere Station der Zukunft eine normale unfallchirurgische Akutstation im siebten Stock der Medizinischen Hochschule Hannover. Zwölf Zimmer mit 28 Betten, in denen Patientinnen und Patienten versorgt werden. Junge Leute, etwa nach einem Motorradunfall, und auch Hochbetagte, die einen Oberschenkelhalsbruch erlitten haben – und unter Umständen auch dement sind – werden hier individuell versorgt. Dabei stehen Professionalität, Fürsorge und Empathie im Vordergrund.

Technische Innovationen bedeuten keinesfalls Empathielosigkeit. 

Der Mensch wird weiterhin im Mittelpunkt stehen, selbst wenn Sensorik, Robotik und virtuelle Realität auch im pflegerischen Handeln zunehmend Einzug halten. Unser Job ist es unter anderem, das Verständnis für die tatsächlichen Bedarfe in den verschiedenen Pflegesituationen auszuweiten. Dazu nehmen wir uns viel Zeit. Wir identifizieren typische Probleme und überlegen gemeinsam, was zu tun ist. Zum Beispiel kann man Laufwege reduzieren. Ein Beispiel: Es liegt jemand im Krankenzimmer und klingelt. Eine Pflegende erscheint, fragt, worum es geht, verlässt den Raum, holt das Gewünschte. Wird aber etwa die Klingel am Bett durch ein Smartphone ersetzt, das direkt das Smartphone der Pflegeperson erreicht, kann diese sofort abklären, worum es geht, und beispielsweise gleich ein Medikament mitbringen. Solche Lösungen sind natürlich für diejenigen gedacht, die ein Smartphone haben. Selbstverständlich kann man sich auch über die Klingelanlage melden. 

Frau Schmeer und ein Kollege bei einer Messe

Medizinische Hochschule Hannover

Oder wir identifizieren Gefahrensituationen. Wir wissen, dass Sturzgefahr droht, wenn jemand mit eingeschränkter Mobilität aus dem Bett aufsteht. Ein sensorbasiertes „Bed-Exit-System“ kann da frühzeitig warnen. Ausgezeichnete Erfahrungen haben wir auch mit Matratzen gemacht, die dabei helfen, das schmerzhafte Wundliegen zu vermeiden. Diese Dekubitus-Matratzen ermöglichen permanente Bewegung ohne Anfassen.

Dekubitus-Matratzen bewegen sich so sanft, wie es uns Menschen niemals gelingen kann.

Bei den Pflegenden schauen wir, wie wir sie körperlich entlasten – etwa, wenn sie Erkrankte positionieren. Liftsysteme haben sich dabei nicht bewährt, die stehen oft nur rum und sind nicht zur rechten Zeit am rechten Ort, wo sie gebraucht werden. Gute Erfahrungen machen wir mit Exoskeletten. Das sind technische Stützsysteme, wie eine Art überdimensionaler Nierengurt. Das Exoskelett entlastet die Bandscheiben. Roboter sind übrigens auch im Einsatz geplant. Noch nicht am Krankenbett, aber zum Desinfizieren von Türklinken. Das ist eine tolle Sache, ressourcenschonend und effizient – klappt aber nur, wenn es überall im Krankenhaus W-Lan gibt. Wenn nicht, stoßen wir an Grenzen.

Herausforderungen gehören zur Jobbeschreibung.

Wir wollen im Pflegepraxiszentrum Hannover Grenzen überwinden. Das ist spannend – ausgetretene Pfade habe ich in meinem Beruf gerne vermieden. Der leichte Weg war mir selbst nicht unbedingt vorgezeigt: Meine Schulzeit war hart, als Legasthenikerin war ich nicht gerade erfolgsverwöhnt. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr entschied ich mich für eine Pflegeausbildung und arbeitete in der Intensivpflege. Schon damals war ich fasziniert vom technischen Equipment. Das führe ich darauf zurück, dass ich fern von Rollenstereotypen erzogen worden bin. Gab es daheim etwas zu reparieren, musste ich genauso ran wie meine Brüder.

Anschließend habe ich mich zur Lehrerin für Pflege weitergebildet. Anfang 2000 wollte ich eine neue Herausforderung – und habe drei Jahre lang in Südafrika gearbeitet. In der Pflege, als Nurse, aber gleichzeitig haben wir einen ambulanten Pflegedienst mit Ausbildungscenter aufgebaut. Schon damals ging es um das große Ganze, wir haben nicht nur die Pflegebedürftigen in den Blick genommen, sondern auch die Pflegenden, die Angehörigen, die Umgebung. Was ich in dieser Zeit gelernt habe, hilft mir heute noch: auf viele Details achten und nie das Ziel aus dem Blick verlieren. Und nicht alles alleine machen. Komplizinnen und Komplizen suchen, sich vernetzen. Zurück in Deutschland, habe ich schließlich noch das Studium der Pflegewissenschaft absolviert.

Inzwischen bin ich schon seit 25 Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover. Als Pflegefachperson, als Pädagogin und als Wissenschaftlerin verfüge ich über ein ausgezeichnetes Netzwerk – und das ist schon mehr als die halbe Miete, um Innovationen zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.

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