Moritz Hämmerle spricht in ein Mikrofon.

Wenn futuristische Ideen auf steinzeitliche Strukturen treffen

von Dr.-Ing. Moritz Hämmerle, Projektleiter Future Work Lab am Fraunhofer IAO

Wenn futuristische Ideen auf steinzeitliche Strukturen treffen

Moritz Hämmerle, Institutsdirektor am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart, lädt ein zum virtuellen Bummel durch das „Future Work Lab“: Innovative Arbeitsplätze zaubern mit Licht und Duft ein Wohlfühlambiente. Die Schichtplanung erfolgt per App, die Smartwatch signalisiert, wenn es Zeit für eine Dehnübung oder eine Trinkpause ist. Hier erzählt Hämmerle, wie die Arbeitswelt von Morgen aussehen könnte.

Wer unser „Future Work Lab“ besucht, sieht einen avantgardistisch anmutenden „Pfiffigen Lichtpilz“ über dem molekularen Arbeitsplatz. Sein Schirm spendet Licht – je nach To-do und Stimmung entweder sanft, hell oder grell. Der Arbeitsplatz leuchtet aber nicht nur, sondern spendet auch wohligen Duft – meeresbriesig anregend oder lavendelig beruhigend. Selbstfahrende Roboterwagen kurven heran und bringen alles Notwendige zur Erledigung eines Jobs mit. Wir testen Maßnahmen wie Microlearnings, Arbeitsplatzrotation oder Ergonomie-Nudges, damit Arbeitskräfte sich wohlfühlen und weder unter- noch überfordert sind. Unter anderem experimentieren wir mit dem Gamification Ansatz – der macht Spaß, erhöht die Motivation und auch die Produktivität.

Wir treten mit dem „Future Work Lab“ an, um die vierte industrielle Revolution (be)greifbarer zu machen.

Viele Menschen können wenig anfangen mit dem Begriff „Industrie 4.0“, haben schwammige Vorstellungen davon. Wir zeigen, dass Industrie 4.0 keine kühne Zukunftsvision ist, sondern längst in der betrieblichen Realität auf dem Hallenboden angekommen ist. Smart Services, durchgehendes Datenmanagement und neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion setzen neue digitale Leistungsstandards für ganze Branchen. Wir machen deutlich, dass ihre passgenaue, systematische Implementierung zum Wettbewerbsvorteil für produzierende Betriebe wird.

Zwei Frauen im Future Innovation Lab

Fraunhofer IAO

Warum mir als Ingenieur die Arbeitsorganisation am Herzen liegt? Ich bin begeistert vom Knowhow der Ingenieurswissenschaften. Deutsche Ingenieurskunst ist ein internationales Markenzeichen geworden – aus gutem Grund! Technisches Wissen schafft die Voraussetzung für Innovationen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Mich interessiert auch das Nachdenken über die Implikationen und Folgen. Deshalb habe ich das Studium „Technologiemanagement“ absolviert, das auch Arbeitsorganisation und Betriebswirtschaft abdeckt. Während des Studiums habe ich im Fraunhofer IAO gearbeitet und enthusiastisch so viel ausprobieren können. Mir wurde klar, was alles machbar ist. Das war ein „Wow“-Gefühl, ein richtiger Flash! Dem stand allerdings nach Praktika bei namhaften Stuttgarter Unternehmen ziemliche betriebliche Ernüchterung gegenüber: Statt des „Wow“ war das eher ein „Oh je“. Ich war erschreckt von den starren Hierarchien und wie wenig Spielraum für neue Ideen vorhanden ist! Dieses Spannungsfeld zwischen futuristischen Ideen und steinzeitlichen Strukturen fasziniert mich.

Unsere Mission ist, dass praxistaugliche digitale Lösungen schneller den Weg in die Produktionshallen finden.

Ein Roboter reicht einer Frau einen Becher Kaffee

Fraunhofer IAO

Das ist und war für mich schon immer die Motivation, Forschung für Industrie 4.0 wirklich angewandt zu betreiben. So entstand die Idee des „Future Work Lab“, das wir gemeinsam mit dem Fraunhofer IPA und der Universität Stuttgart mit Herzblut umgesetzt und dank der Förderung des BMBF 2017 eröffnet haben. Arbeit neu denken, neue Wege gehen, Arbeitswelten zukunftsgerecht gestalten: All das ist mit den Technologien der Industrie 4.0 heute möglich. So etwa entlasten Exoskelette – umgangssprachlich als Roboteranzüge bezeichnet – Produktionskräfte bei körperlich schweren Tätigkeiten, wenn sie zum Beispiel lange über Kopf arbeiten müssen. Wenn die Daten aller Maschinen sowie der gesamten Produktionsanlage in Echtzeit verfügbar sind, macht das den Produktionsablauf transparent. Maschinen kommunizieren mit Arbeitskräften über das Smartphone, bitten um Hilfe und können Probleme exakt benennen. Wir zeigen, wie Mensch und Roboter auf engem Raum zusammenarbeiten. Dabei berücksichtigen wir auch die dynamische Arbeitsteilung: Noch ist es so, dass Roboter in der Produktion stupide Automatisierungsjobs erledigen. In Zukunft arbeitet man Hand in Hand mit dem Roboter. Vor dieser Kollaboration muss sich niemand fürchten: Es wird nicht so sein, dass intelligente Maschinen künftig bestimmen, was zu tun ist und den Takt vorgeben. 

Ja, wir sehen skeptische Mienen bei unseren Besucherinnen und Besuchern. Sowohl mit Blick auf technische Tools, aber auch wenn es um das mentale Rüstzeug geht. Selbstverständlich ist es nicht allein damit getan, Arbeitsplätze exquisit zu beleuchten und wie in der Aromatherapie zu beduften. Die Zukunft der Arbeit bleibt produktiv und mensch-zentriert. Die Technik entlastet uns, schafft Raum für Kreativität und steigert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Allein eine VR-Brille oder eine Smartwatch sorgen nicht für Arbeitszufriedenheit.

Neben der technischen braucht es auch eine mentale Ausstattung: Diese setzt auf weniger Anweisungen und Kontrolle. Sie verlangt von Führungskräften, Macht abzugeben und Vertrauen aufzubringen – und von der Belegschaft, nicht nur nach Schema F alles abzuarbeiten, sondern auch Verantwortung übernehmen zu wollen. So wie sie der schwedische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann mit seinem Begriff „New Work“ skizziert hat. Von diesen enormen Freiheiten profitieren Unternehmen. Ich bin fest davon überzeugt: Arbeit muss mehr sein als Broterwerb. Arbeit muss Spaß machen und sinnstiftend sein. Es braucht allerdings dafür die richtigen Strukturen. Keine Frage, dieser Ansatz verlangt Investitionen – in Technik wie in Menschen. Wir zeigen, dass es sich lohnt, hier zu investieren. Auch das ist revolutionär und gehört zur Industrie 4.0.

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