Wie eine vermeintliche Schwäche zur Stärke wird – und Leben rettet

von discovering hands-Gründer Dr. Frank Hoffmann

Wie eine vermeintliche Schwäche zur Stärke wird - und Leben rettet

Dr. Frank Hoffmann hat eine Schwäche: Er kann nicht so gut tasten wie ein blinder Mensch. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte er als Unternehmer ein ganz neues Berufsfeld: Seine blinden Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen erkennen Brustkrebs schon im Frühstadium. Das hat nicht jedem in seinem medizinischen Umfeld sofort gefallen.

Ich bin Arzt geworden, um Menschen zu helfen. Dann bin ich Unternehmer geworden, um Menschen besser zu helfen. „Was soll der Quatsch?“, musste ich mir am Anfang manchmal von meinen Kolleginnen und Kollegen anhören. „Willst du uns schlecht machen?“ Natürlich wollte ich das nicht. Unsere „discovering hands“ haben aber eine Fähigkeit, die wir Ärztinnen und Ärzte schlichtweg nicht haben. Eine, die wir uns zu Nutze machen, um Leben zu retten. Mit dieser Botschaft musste ich zu Beginn mein Umfeld von der Idee der Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen überzeugen. Ich musste ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir nicht die besten Ärztinnen und Ärzte der Welt sind, weil wir optimal tasten können. Sondern: Ich bin der beste Arzt der Welt für meine Patientin, wenn ich für sie die richtige Diagnose stelle.

Das Aha-Erlebnis kam unter der Dusche: Von diesem Moment an wusste ich, dass es funktionieren würde. 

Jede achte Frau in Deutschland erhält in ihrem Leben die Diagnose Brustkrebs. Jährlich sterben etwa 17.000 Frauen an den Folgen. Mich hat das lange beschäftigt. Wie kann ich die Früherkennung für meine Patientinnen verbessern? Die Tastuntersuchung musste strukturierter werden, mehr Zeit in Anspruch nehmen und von jemandem durchgeführt werden, der über einen guten Tastsinn verfügt. Ich habe da zunächst noch gar nicht an blinde Frauen gedacht, sondern erst einmal überlegt, wer in meinem Praxisteam als meine Assistenz diese Untersuchung durchführen könnte. Eines schönen Morgens stand ich unter der Dusche – in diesem kreativen Zeitfenster zwischen Schlafen und Wachsein. Und es hat mich wie der Blitz getroffen, dass dies doch eine tolle Aufgabe für blinde Menschen wäre. Das war Ende 2005. Von diesem Moment an wusste ich, dass es funktionieren würde.

discovering hands

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Die sogenannte Neuroplastizität erlaubt Blinden, Bereiche des Gehirns, die sonst für die Verarbeitung des optischen Eindrucks verwendet werden, für andere Sinnesqualitäten einzusetzen. Es ist also nicht nur eine Frage von Training, sondern auch eine Frage von neurophysiologischer Grundlage. Zum Beispiel die Brailleschrift: Die ist eine Aneinanderreihung von Punkten. Auch mit viel Übung können wir sehenden Menschen nicht unterscheiden, ob wir einen oder mehrere Punkte tasten. Dazu braucht man das Fingerspitzengefühl eines blinden Menschen.

Deswegen haben ich die Taktile Brustuntersuchung, durchgeführt von unseren Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (kurz MTU) entwickelt – und später das Sozialunternehmen „discovering hands“ gegründet. Unsere ausgebildeten MTUs finden in den 30- bis 45-minütigen Untersuchungen Tumorformationen zwischen sechs und acht Millimetern, also noch im Frühstadium – und retten damit Leben. Denn es gibt eine alte Statistik, nach der 80 Prozent der Brustkrebsfälle bisher nicht von den Ärztinnen und Ärzten, sondern von den Frauen selbst entdeckt wurden. Tatsächlich sind wir Ärzte in der Lage, einen Tumor zu ertasten in der Größe zwischen einem und zwei Zentimetern. Möglicherweise haben sich zu diesem Zeitpunkt aber schon Metastasen gebildet und lebenswichtige Organe befallen.

Etwas neu zu gestalten und es ein Stückchen besser zu machen, als ich es angetroffen habe – das hat mich immer begleitet.   

Ich bin immer gerne kreativ tätig. Etwas neu zu gestalten und es ein Stückchen besser zu machen, als ich es angetroffen habe – das hat mich immer begleitet. Diese Eigenschaft hat sich insbesondere in diesem Projekt verwirklichen lassen. Ich habe ein neues Tätigkeitsfeld erfunden und ein neues Berufsfeld entwickelt, das es noch lange nach mir geben wird. MTUs lassen sich bald sicher auch in anderen diagnostischen Bereichen wie Schilddrüse, Lymphknotenstatus und Prostata einsetzen.

Wir haben schon 2008 eine erste Evaluierung zusammen mit der Universität Essen gemacht, die gezeigt hat, dass die MTUs in der Lage sind, sehr kleine Tumore aufzuspüren. Inzwischen gibt es eine neue Studie der Uni Erlangen. Die zeigt, dass durch die MTU um 20 Prozent mehr verdächtige Befunde aufgefunden werden. Das ist für brustkrebserkrankte Frauen ein wirklich tolles Ergebnis!

discovering hands

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Immer mehr Krankenkassen übernehmen jetzt die Kosten der Untersuchung, die inzwischen in mehr als 100 gynäkologischen Praxen und Fachzentren in ganz Deutschland angeboten wird. Wir hatten immer viel Unterstützung von Sozialverbänden, dem Berufsförderungswerk Düren und Ashoka. Das hat es mir letztendlich ermöglicht, ein Modell für den globalen Markt zu entwickeln, was ich ja ganz zu Beginn nur für meine eigene Praxis angedacht hatte.

Meine gesicherte Existenz aufzugeben, war ein großer Schritt. Ich war ja nicht mehr ganz knusprig. 

Ich hatte das Projekt ursprünglich gestartet, um eine bessere medizinische Früherkennungsqualität zu ermöglichen. Im Projekt habe ich im intensiven Kontakt zu sehbehinderten Menschen aber auch erlebt, was es für sie bedeutet, MTU zu sein. Ganz viele Menschen, die plötzlich das Augenlicht verlieren, haben berührende persönliche Geschichten. Sie verlieren ihren Job, ihre sozialen Kontakte verändern sich. Sie können nicht mehr mit ihren Freundinnen und Freunden kegeln gehen und ein Kinobesuch ist vielleicht auch nicht mehr so spannend. Daraus resultiert manchmal das Gefühl von Zurücksetzungen. Jetzt zu erleben, plötzlich etwas zu können, was keine Sehende und kein Sehender kann, was im besten Fall Leben retten kann, das hat ihnen eine vielversprechende Perspektive und neues Selbstbewusstsein gegeben. Zu erleben, wie diese Menschen aus dem MTU-Ausbildungskurs selbstbewusst, gewissermaßen mit „breiteren Schultern“ herauskommen: Das hat mich letztendlich motiviert, meine gesicherte Existenz als niedergelassener Arzt aufzugeben und mich ganz der sozialunternehmerischen Aufgabe zu stellen.

Das war natürlich schon ein großer Schritt, denn ich war zu dem Zeitpunkt mit Mitte 50 auch nicht mehr ganz knusprig. Aber es war von Beginn an mein Herzensprojekt.

Das Ziel eines Sozialunternehmens ist, mit unternehmerischen Mitteln einen sozialen Mehrwert zu generieren. Also einen messbaren sozialen Mehrwert zu erzeugen. Das schaffen wir auf drei Ebenen: für Frauen, die nun bei Brustkrebs früher und damit häufiger heilend behandelt werden können. Für die Sozialsysteme, denn eine frühere Behandlung ist kostengünstiger. Und für blinde Menschen, denen ein selbstbestimmtes Leben mit einer sinnstiftenden Tätigkeit ermöglicht wird.

 

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