Wir sollten Mut haben, größere Schritte zu gehen

von Ina Budde, Gründerin des Start-ups circular.fashion

Wir sollten Mut haben, größere Schritte zu gehen

87 Prozent aller Kleidungsstücke landen auf Deponien – eine unfassbare Ressourcenverschwendung, die Designerin Ina Budde beenden will. Als CEO von circular.fashion berät sie Firmen wie Hugo Boss und Zalando zu kreislauffähigen Materialen und nutzt dazu mittlerweile sogar die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz.

Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir im Jahr 2020 ein Softwareunternehmen haben würden, das Sortierstationen für den Altkleiderbereich entwickelt, wäre ich wohl ziemlich überrascht gewesen. Aber wir sind bedarfsorientiert an die Sache herangegangen. Technologien ermöglichen uns, transparenter und nachhaltiger zu wirtschaften. Ich sehe Technologie einfach als Treiber und Ermöglicher für nachhaltige Innovation in jeder Branche – und sie schafft Vernetzung und Transparenz.

Das war zu Beginn mein Anknüpfungspunkt: Es gab schon viele großartige Lösungen – wie etwa nachhaltige Stoffe und Recyclinginnovationen. Aber was fehlte, war das vernetzende Element, das alle Bereiche zusammenbringt und so eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Kleidung schafft.

Wie viele Ressourcen für Kleidung verschwendet werden, fand ich unglaublich.

Es gibt in meinem Leben nicht den einen Moment, in dem ich mich für diese Laufbahn entschieden habe. Das passierte einfach. Schon als Kind hat mich das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt – wie Trinkwasserknappheit und Bewahrung von Ressourcen. Dass wir jährlich so viel Kleidung produzieren, wie wir wegwerfen, fand ich wirklich erschütternd. Es wird so unfassbar viel Wasser für die Herstellung von Baumwolle aufgewendet und somit verschwendet.

Ich habe mich immer gerne mit dem Werkstoff Textil und Konstruktionen auseinandergesetzt. Modetrends waren nicht der Fokus, sondern eher Konzepte visualisieren und umsetzen. Da flossen dann meine Nachhaltigkeitsgedanken mit ein. Ich habe bereits in meinem Studium Kollektionen entworfen, die aus innovativen nachhaltigen und recyclingfähigen Materialien hergestellt wurden. Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn die Mode für den Kreislauf geeignet ist, das Produkt an die richtigen Kanäle zurückfließt und die Sortiersysteme das Produkt entsprechend identifizieren und verwerten können.

Teamfoto von circular fashion beim Global Change Award

H&M Foundation

circular.fashion haben wir auf diese drei Grundsäulen aufgebaut: die Circular-Design-Software, die circularity.ID und eine intelligente Sortierstation für die Sortierbetriebe. Die Software enthält eine Materialdatenbank mit hunderten von Stoffen, Fasern, Knöpfen und weiteren Komponenten, die als recyclingfähig getestet wurden. Ein Konfigurations-Tool gibt an, welche Kombinationsmöglichkeiten dieser Stoffe bestehen, um ein vollständig recyclingfähiges Produkt herzustellen. Wir bieten auch Circular-Product-Checks an, mit denen wir Unternehmen aufzeigen, wie recyclingfähig ihr Produkt bereits ist. Die circularity.ID ist ein scannbares Etikett, über das Informationen zur Produktion, Recyclingfähigkeit und die Rücknahme-Optionen abgerufen werden können. Aber auch – und das ist für die Sortierbetriebe wichtig – aus welchen Materialien der Stoff besteht, damit es bei den richtigen Recyclingbetrieben landet. In diesem Bereich werden wir auch gerade zusammen mit der TU und FU Berlin als „KI-Leuchtturm-Projekt“ gefördert. Durch KI-unterstützte Stoffanalyse soll eine spezifischere Sortierung für die Secondhand-Nutzung und das Faser-zu-Faser Recycling ermöglicht werden.

Unternehmen sollten mutiger kommunizieren.

Smartphone das das Etikket eines Kleidungsstücks scannt.

circular fashion

Zwölf Prozent des weltweiten Modemarktes haben sich bereits verpflichtet, kreislauffähiger zu werden. Das spiegelt sich auch in der Nachfrage für unser Produkt wider. Ich finde, gerade im Bereich Business-to-Business ist es wichtig, sich zu motivieren, größere Schritte zu gehen. Das ist auch unser Anspruch. Modedesigner wie Stella McCartney setzen sich für das Thema ein, aber es kann nie genug Vorreiterinnen und Vorreiter geben.

Ich denke, dass viele Unternehmen viel mutiger sein könnten in der Kommunikation. Sie halten sich derzeit aus Sorge zurück, dass sie für „greenwashing“ kritisiert werden könnten. Hier müssten sie besser erklären, was sie schon erreicht haben, wie weit sie auf dem Weg zu ihrer Vision sind und wie sie dieses Ziel erreichen wollen. So wird die Kommunikation vertrauensvoller. Denn das ist es, was Kundinnen und Kunden verstärkt nachfragen: Einmal tragen und dann wegwerfen, ist einfach nicht mehr erstrebenswert.

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