Benjamin Fredrich

Wir wollen so viele Leute wie möglich erreichen

ein Gespräch mit KATAPULT-Chefredakteur Benjamin Fredrich

Wir wollen so viele Leute wie möglich erreichen

„Wenn Ihr einen Verlag machen wollt, solltet Ihr in eine Verlagsstadt gehen, um Mitarbeiter zu finden“. Solche Tipps bekam Benjamin Fredrich in den letzten fünf Jahren immer wieder von externen Beratern. Die Berater irrten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das viermal pro Jahr erscheinende KATAPULT-Magazin, das Erkenntnisse der Sozialwissenschaft in Karten und Infografiken aufbereitet, kommen heute in den Nordosten. In Greifswald haben sich Studierende ab 2015 ans Werk gemacht, um liebevoll visualisierte Wissenschaft und kuriose Fakten in Heftform zu bringen. Mit Erfolg.

Die Redaktionsmannschaft um Chefredakteur Fredrich und Layouter Tim Ehlers wuchs. Auflage, Abos und die Zahl der Verlagsprojekte ebenfalls. Und dennoch ist Benjamin Fredrich in einem Punkt konsequent geblieben: Viele Dinge konsequent anders zu machen als man es jungen Unternehmen raten würde. Mit Erwartungen zu brechen, ist Teil seines geschäftlichen und journalistischen Selbstverständnisses. Was ihn noch antreibt und warum er sich über Ideenklau durch Branchengrößen zwar aufregt, zugleich aber immer wieder aufs Neue davon motivieren lässt, darüber spricht der KATAPULT-Chefredakteur im Interview.

Die Auflagen vieler Print-Titel sind in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken und die Verlagsbranche sucht immer noch Antworten auf die Digitalisierung – was treibt Euch trotzdem viermal jährlich an, mit einem aufwendig gestalteten Magazin an den Start zu gehen?

Die meisten bei KATAPULT, mich eingeschlossen, kommen aus der Wissenschaft. Im Studium hatte ich Dozenten, die zu wahnsinnig spannenden sozialwissenschaftlichen Themen geforscht haben. „Warum halten sich bestimmte Diktaturen? Warum werden manch andere relativ schnell wieder gestürzt?“ Das ist nur ein Beispiel, das ich unglaublich relevant fand und wo ich dachte, dass zu solchen Informationen doch viel mehr Leute Zugang brauchen!

Leider bleiben viele wissenschaftliche Erkenntnisse wegen der Veröffentlichung in anerkannten und wichtigen, aber leider nur sehr eingeschränkt reichweitenstarken Fachzeitschriften der Öffentlichkeit verborgen. Darum geht es uns, und das treibt mich an: relevante und interessante Informationen so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen. Man kommt dann relativ schnell zum zweiten Punkt – der attraktiven Darstellung, die nicht zuletzt den Spaß an der Sache erhöht. Wenn uns dann die Leser auch noch für unser Layout loben, dann macht man das natürlich auch gerne weiter.

 Wir werden nie ein Magazin herausbringen, in dem nicht wenigstens eine spaßige Karte dabei ist.

Zahlen, manchmal regelrechte Zahlenkolonnen sind ja Basis der KATAPULT-Grafiken. Welche Werte sind es, die Euch übergeordnet ausmachen?

Der größte Wert, in dem wir uns von wahrscheinlich ganz vielen anderen Medienunternehmen und journalistischen Projekten unterscheiden, ist Gleichheit. Wir bekommen hier alle das gleiche Gehalt. Das gilt für mich als Chefredakteur. Das gilt aber genauso für unsere beiden Köche oder, abgesehen von unseren Entwicklern, alle anderen, die neu anfangen. In unserem Selbstverständnis als Unternehmen ist das ein sehr wichtiger Wert. Ich habe das so gemacht, weil ich keinen Bock hatte, hier in Greifswald sonst irgendwann keine Freunde mehr zu haben (lacht). Wenn man als Chef oder Chefredakteur auftritt, ist vor allem in kleinen Städten, wo dich einfach viele Leute kennen, sonst ganz im Ernst die Gefahr groß, sich von den Leuten zu entfernen. Das wollte ich nicht.

Transparenz kommt für mich direkt danach. Das klingt erstmal abstrakt, aber wir meinen das auch so. Wenn die Leute das wollen, veröffentlichen wir Gehälter oder Vertragsinhalte. Was es bei uns also nicht gibt: Geschäftsgeheimnisse vor unseren Leserinnen und Lesern!

Ihr arbeitet bewusst als Team, in dem jede und jeder perspektivisch in die Erstellung der Grafiken hineinwächst. Bei der Größe, die Ihr inzwischen erreicht habt, haltet Ihr diesen Anspruch da aufrecht?

Ja, das Ziel bleibt, dass alle alles können. Wir wollen Generalisten ausbilden, keine Spezialisten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das bei unserer heutigen Größe nicht mehr so gut klappt wie zu fünft oder mit zehn Leuten. Von daher ist die Frage total berechtigt. Wir haben inzwischen auch Profilayouter eingestellt, bei denen wir dann allerdings sagen: „Hey, Ihr müsst jetzt auch Texte schreiben.“ Den Anspruch, mit einem Team aus Generalisten zu arbeiten, halten wir also schon aufrecht.

Was wir aber bei den mehr als dreißig Leuten, die wir inzwischen sind, merken: Uns fällt es deutlich schwerer als früher, das Profi-Dasein wieder abzulegen. Dass wir das grundsätzliche Ziel beibehalten, hat einen Sinn, denn die, die recherchieren, sind ja am dichtesten an einem Thema dran. Wir wollen einfach, dass auf dem Weg von der Recherche zur Darstellung im Heft möglichst wenig verlorengeht. Jeder, der etwas recherchiert, sollte das also selber visuell aufbereiten können. Diese grundsätzliche Idee funktioniert bei uns bis heute.

Teamfoto Katapult Magazin

KATAPULT gUG

Hamburg, München, Köln oder Berlin fallen einem als Medienstädte sofort ein. Greifswald ist einerseits Eure Uni-Stadt, andererseits aber kein etablierter Verlagsstandort. Inwieweit ist die Entscheidung für die Stadt Teil Eures Selbstverständnisses?

Das kommunizieren wir sogar ganz bewusst so nach außen. Am Anfang war da die Verliebtheit in die Stadt und die Identifikation mit dem Ort, an dem wir studiert hatten. Aber auch, als uns später externe Berater sagten, wir sollten unsere Idee an einem anderen Ort mit entsprechendem Know-how verwirklichen, haben wir das einfach nicht gemacht. Vor einem Jahr hat hier, glaube ich, der letzte derjenigen Kleinstverlage dicht gemacht, die es in Greifswald noch gab. Es existiert hier also wirklich niemand mehr im Verlagswesen außer uns.

Wir und auch unsere Leser wissen um die Außenseiterrolle als Journalisten ohne vorherige journalistische Erfahrung, als Geschäftsführer ohne Gründer-Erfahrung. Dazu gehört für mich auch, den Standort zu pflegen, und inzwischen hielte ich sogar für einen Nachteil, hier wegzugehen. Nicht zuletzt wollen wir im Sommer nach der Arbeit direkt zum Strand fahren.

Ich hielte es für einen Nachteil, von hier wegzugehen.

Eine Frau und ein Mann mit Maske im Gesicht und Buch in der Hand

KATAPULT gUG

Wenn die eigene Idee so charmant und neugierweckend ist, dass sich große Verlage und etablierte Redaktionen davon offenbar immer wieder – nennen wir es mal – inspirieren lassen, macht das nur wütend oder motiviert es auch? 

Zeitlich begrenzt, mal ein paar Tage, manchmal auch länger, macht mich das wütend. Rückblickend betrachtet haben uns die Auseinandersetzungen um teilweise dreisten Diebstahl an unseren Grafiken aber nach vorne gebracht. Wenn man das in die richtigen Wege leitet, setzen Auseinandersetzungen wie wir sie mit Verlagen und Redaktionen geführt haben, richtig viel kreatives Potential frei. Bei uns entsteht dann etwas Neues, manchmal sogar eine eigene Kampagne.

Vor allem haben sich unglaublich viele Menschen mit uns solidarisiert. Das nimmt mir dann einen Teil der Verzweiflung, die man natürlich zuerst verspürt, wenn man sich als relativ junges Unternehmen mit scheinbar übermächtigen Verlagshäusern auseinandersetzen muss.

Du trittst in solchen Auseinandersetzungen nach außen als „Gesicht“ von KATAPULT auf. Über die flachen Hierarchien haben wir eingangs schon gesprochen. Wieviel Selbstbewusstsein erfordert es, Dich als Gründer an anderer Stelle zurückzunehmen?

Für mich persönlich war das in den letzten Monaten und Jahren eine der wichtigsten Aufgaben. Einerseits, weil ich gar nicht mehr alles schaffen würde, andererseits ist das auch fürs Team unglaublich wichtig: Wäre ich ständig überall dabei, würde ich verhindern, dass sich andere mal zu hundert Prozent verwirklichen und ihre Ideen einbringen können.

Ich musste lernen zu akzeptieren, dass neue Kollegen KATAPULT verändern werden.

Mit dem Rückzug aus bestimmten Aufgabengebieten hält man also unter anderem die Motivation in einem wachsenden Team aufrecht. Wir als Gründerteam mussten übrigens erst lernen, Aufgaben auch mal zu delegieren und zu akzeptieren, dass neue Kolleginnen und Kollegen KATAPULT verändern würden, nicht zuletzt stilistisch.

Solange aber der Kern erhalten bleibt, ist das okay und ich komme damit klar, dass die Leute eben jetzt auch zum Teil ihr eigenes Ding machen. Wir sind schließlich nicht mehr die Gleichen wie noch vor drei Jahren. Mit meinem Mitgründer Tim Ehlers bin ich trotzdem weiterhin in einem ständigen Austausch über den Umfang der Veränderungen. Wir bewahren uns damit die Sicherheit, dass wir nicht zu einem komplett anderen Magazin werden.

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