Ali Mahlodji

Zukunft wird im Hier und Jetzt geschrieben

Von Ali Mahlodji, Gründer von „whatchado.com“ und Geschichtenerzähler

Zukunft wird im Hier und Jetzt geschrieben

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, meinte Helmut Schmidt. Das sieht Ali Mahlodji anders. Er hat den Mut, große Ziele zu formulieren. Seine Vision: die Welt zu einem besseren Ort machen. Seine Erzählung: Alle können ihr Lebensglück finden, wenn sie ihr Potenzial freisetzen. Selbst wenn sie so bescheidene Startchancen haben wie er. Niemand hätte darauf gewettet, dass aus dem Geflüchteten, dem Stotterer und Schulabbrecher ein erfolgreicher Unternehmer werden würde. Wie es dazu kam und warum wir es uns nicht leisten können, Talente schlummern zu lassen, berichtet er hier.

Noch die Generation unserer Eltern konnte sich darauf verlassen, dass sie mit einem guten Schul- oder sogar Universitätsabschluss einen Job bei einem Unternehmen finden würde, den sie lebenslang ausüben könnten. Mittlerweile ist das anders: Wer heute mit 18 Jahren einsteigt, kann sich darauf einstellen, alle drei bis fünf Jahre den Job zu wechseln. Die Arbeitswelt ändert sich rasant, verlangt von jedem einzelnen, nicht zu verharren, sondern mitzugehen. Jugendlichen, die von mir wissen wollen, wie und wo sie ihre Karriere starten wollen, sage ich immer: 65 Prozent der Jobs der Zukunft kennen wir noch gar nicht! Was brauchen wir also, um fit zu sein für die Arbeitswelt von morgen? Die Herkunft aus einer Akademikerfamilie? Gute Schulzeugnisse? Schön, wenn es so ist! Aber es kommt weniger auf gute Noten an – das sind nur Momentaufnahmen.

Wir brauchen uns selbst. Jeder Mensch trägt alles, was es für ein gelungenes Leben braucht, in sich. Auch wenn die Voraussetzungen auf den ersten Blick nicht gegeben zu sein scheinen – wie bei mir. Als Kind aus Teheran in einer österreichischen Flüchtlingsunterkunft. Als Junge, dem die Wörter im Halse stecken blieben. Als Schüler mit sauschlechten Noten. Mir wurde signalisiert: Du kannst nichts. Wage bloß nicht, vom Erfolg zu träumen.

Ich wollte mir das Träumen nie nehmen lassen.

Zum Glück traf ich auf Menschen, die an mich geglaubt haben. Meine Eltern natürlich, die immer zu mir standen. Einen ganz bestimmten Lehrer: Nachdem ich die Schule geschmissen hatte, erinnerte er mich daran, dass es ein Fach gab, in dem ich gut war – das war die Informatik. Er hat mich, den Schulabbrecher, dazu ermuntert, eine Schule für Informatik zu gründen. Ich fühlte mich schwach, er wies mich auf meine Stärke, mein Talent hin. Und ich traf auf einen renommierten Neurobiologen und Experten für Potenzialentfaltung. Dessen Credo, „Begeisterung ist Dünger für das Gehirn“, stimme ich tausendprozentig zu. Träume und Begeisterungsfähigkeit sind das Rüstzeug, um glücklich zu sein in seinem Job. Ich habe es selbst erlebt, denn ich habe mehr als vierzig Berufe ausprobiert: Erzählte mir ein Blumenverkäufer vom Zauber seines Jobs, den leuchtenden Blüten, von der Freude, Menschen mit Blumen zu beglücken – dann wollte ich das auch. Berichtete ein Lehrer davon, wie phantastisch es ist, Wissen weiterzugeben, die Liebe zum Fach zu entfachen, wollte ich unterrichten. Nicht alle waren attraktiv. Ich habe auch Dreck gefressen – als Bauarbeiter ebenso wie im internationalen Management für US- und DAX- Konzerne. Nach einem Burnout beschloss ich, meinem Leben einen Sinn zu geben und andere zu motivieren. Jede Erfahrung zählt und die schlechten sogar ganz besonders. Der Künstler Andre Heller hat mal gesagt, „wir scheitern uns nach oben“. Wer seine Träume lebt, braucht Mut – denn wer hochfliegt, kann tief fallen. Dann wieder aufzustehen, dranzubleiben und weiterzumachen ist übrigens ein saugutes Gefühl. Zu wissen, der Schmerz geht vorbei, setzt neue Energie frei.

Wichtig ist, dass man liebt, was man tut.

Vor zwanzig Jahren gründete ich die Internet-Berufsorientierungsplattform „whatchado.com“. Das ist die umgangssprachliche englische Bezeichnung dafür, womit man sein Geld verdient. Dieses „Handbuch der Lebensgeschichten“ wächst und wächst: Dort erzählen Menschen von überall auf dem Globus, wer sie sind, was sie tun, wo sie stehen. Schildern ihre Träume, ihr speziellen Ideen und Erfolge, aber natürlich auch ihre schweren Stunden – der Postbote wie der Präsident. Von meinen Erfahrungen als Unternehmer sollen kommende Generationen profitieren: Ich gebe mein Wissen an Social Start-ups weiter und engagiere mich als „Business Angel“.

Ali Mahlodji

Christoph Steinbauer

Ich werde oft gefragt: Was braucht die Arbeitswelt der Zukunft? Was ist der Nährboden für Innovation? Diese Lebensgeschichten zeigen, dass Zukunft immer im Hier und Jetzt geschrieben wird. Jeder Mensch hat die Gabe, die eigene Geschichte zu schreiben. Der Schlüssel zum Erfolg ist die Entfaltung des eigenen Potenzials. So sehr ich es liebe, in die Lebenswelten anderer einzutauchen, so gerne berichte ich auch aus meiner Welt. Denn meine Geschichte zeigt, dass jeder es schaffen kann. Sucht euch Leute, die euch motivieren, die euch inspirieren, die eure Träume nicht kleinreden, sondern euch beflügeln.

So wie ich mich traue zu sagen, dass ich eine Vision habe: Ich will die Welt retten. Als „Chief Storyteller“ (Chef-Erzähler) und als Superheld. Ja, ich werde die Welt retten! Wenn ich es schaffe, auch nur einem Menschen eine Perspektive aufzuzeigen und die Angst vor der Zukunft zu nehmen, dann habe ich das Weltbild dieses Menschen zum Positiven verändert – und damit das Schicksal und die Zukunft dieser Person gerettet. Mein eigener Zickzack-Lebenslauf ist also ein Wettbewerbsvorteil: Er zeigt, dass Pleiten, Pech und Pannen durchaus Innovationsmotoren sind.

Ob Businesswelt oder Gesellschaft: Es gilt, die Balance zu finden.

Wer begeisterungsfähig bleibt, ist bestens gewappnet für die Arbeitswelt der Zukunft. Neugierde ist der Treiber für Innovationen. Unsere Welt ist schnelllebig, dynamisch. Es wird immer neue Tech-Produkte und Kommunikationskanäle geben. Ich persönlich mag das Tempo, dann blühe ich auf. Aber gleichzeitig benötige ich Rückzugsorte und Ruhephasen – und will nicht zum Diener der Technologie werden. Innovative Idee kommen nur aus einem ausgeruhten Hirn, deshalb muss sich die Arbeitswelt mit dem Thema Achtsamkeit befassen. Wollen wir fit sein für die (Arbeits-)Welt von Morgen, müssen wir uns die Frage nach einem gelungenen Leben beantworten. Hier findet jeder seine eigene Definition. Mich inspiriert meine zweieinhalb Jahre alte Tochter: Sie zeigt mir nicht nur unbändige Lebensfreude, sondern auch, wenn ich mich selbst anlüge, wenn ich schlecht esse oder zu wenig schlafe. Sie erinnert mich daran, das Leben zu leben und zu genießen.

Teaserliste (Story, Magazin) 2502

Irene Kilubi

Macherin und Mentorin

von Dr. Irène Kilubi, Gründerin und Geschäftsführerin des Start-ups „brandPreneurs & brandFluencers