Lisa Ruhfus und Dr. Thomas Ramge

Inspiration

Zwei Tage spannender Debatten, Ideen und Impulse bei „Inspiration: die Zukunftsarena“

Zwei Tage spannender Debatten, Ideen und Impulse bei „Inspiration: die Zukunftsarena“

Lebendige Diskussionen, kontroverse Innovationsduelle sowie spannende Impulse und Ideen: Das alles und noch einiges mehr bot „Inspiration: die Zukunftsarena“ am 15. und 16. April 2021. Innovation braucht Reibung und Zusammenarbeit – so das zentrale Motiv des Online-Events vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei dem Expertinnen und Experten verschiedenster Disziplinen zwei Tage gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern darüber diskutierten, was uns im #innovationsland Deutschland bewegt.

Im Zentrum standen zwei digitale Diskussionen mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Dr. Michael Meister. Eine der beiden war den jungen Vordenkerinnen und Vordenkern des #innovationslandes Deutschland vorbehalten – und der Frage, was sie antreibt und an welchen Werten sich ihr Streben nach Neuerung orientiert.

Stephanie Kaiser

BMBF / Bildkraftwerk / Kurc

„Wichtig ist, dass wir nicht immer nur das machen, von dem wir wissen, dass es gelingt“, betonte einleitend Dr. Michael Meister. „Damit sich gerade junge Menschen für die Zukunft engagieren, braucht es deren Mut – aber auch einen politischen Rahmen, in dem dies ermöglicht wird.“ Mehrere Diskussionsteilnehmende sprachen sich dafür aus, dass es gerade in Deutschland eine noch stärkere Akzeptanz des Scheiterns geben müsse. „Innovationen basieren immer erst einmal auf Annahmen“, sagte etwa Stephanie Kaiser, Gründerin der Digital-Health-Plattform Heartbeat Labs. „Diese stimmen auch manchmal nicht. Eine widerlegte Annahme ist aber kein Fehler – sondern einfach nur eine widerlegte Annahme.“

„Damit sich gerade junge Menschen für die Zukunft engagieren, braucht es deren Mut – aber auch einen politischen Rahmen, in dem dies ermöglicht wird."

Dr. Michael Meister MdB Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung

„Der entscheidende Schlüssel für mich ist, dass man sich mehr traut“, bekräftigte auch Dr. Julia Freudenberg, CEO der Hacker School, und fügte hinzu: „Aber auch, dass man Menschen einbezieht, die mehr Erfahrung oder Wissen haben. Innovation entsteht durch Diversität!“ In dieselbe Kerbe schlug Till Oltmanns, Mitbegründer des Start-ups Afilio, das Seniorinnen und Senioren bei der digitalen Altersvorsorge hilft: „Man muss ein bisschen gelebt haben, um bestimmte Probleme zu sehen und bewältigen zu können. Junge Menschen haben viel Energie, Dinge zu bewegen – aber nicht unbedingt den Weitblick, den es manchmal hierfür braucht.“

Thomas Ramge, Lisa Ruhfus, Dr. Michael Meister

BMBF / Bildkraftwerk / Kurc

Die Vorteile der Jugend wiederum betonte Dr. Natalie Rotermund, Mitgründerin von Augmented Science: „Junge Menschen schleppen noch nicht so ein großes Bündel an Hemmnissen mit sich herum. Toll wäre es, wenn man diese innovative Kraft in alle Lebensphasen mitnehmen könnte – und die Gesellschaft es schafft, den Mut zu innovativem Denken auf die Kinder zu übertragen.“

Till Oltmanns

Man muss ein bisschen gelebt haben, um bestimmte Probleme zu sehen und bewältigen zu können. Junge Menschen haben viel Energie, Dinge zu bewegen – aber nicht unbedingt den Weitblick, den es manchmal hierfür braucht.“

Till OltmannsMitgründer des Startups Afilio

 

Was die Kulturszene vormacht

In der Diskussion am zweiten Veranstaltungstag ging es um „Die Kunst, Neues zu schaffen – Was das #innovationsland von Kunst und Kultur lernen kann“. Staatssekretär Dr. Michael Meister betonte den Beitrag von Kunst und Kultur für das Innovationsland Deutschland: „Eine Grundvoraussetzung für Innovation ist kreatives Denken. Hier spielt die Bildung eine wichtige Rolle. Und schließlich müssen wir, um innovativ zu sein, dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft offen und tolerant ist – auch hierzu kann die Kultur beitragen.“

Laut Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, ist eine wichtige Grundlage für Innovationen – unabhängig davon, in welchem Bereich – gleich: „Sowohl in der Kunst als auch überall sonst müssen wir, um Innovation zu ermöglichen, Menschen miteinander vernetzen und Diskurs herstellen. Auch ich sehe mich als Ermöglicherin, dass andere Menschen kreativ sein und ihre Ideen umsetzen – und dann möglichst viele daran teilhaben können.“

Im Laufe der Diskussion wurden verschiedene Beispiele genannt, wie auch die Wirtschaft von der Kultur lernen könne. „Viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten heute nicht mehr alleine, sondern gemeinschaftlich mit anderen zusammen, als Kollektive", berichtete etwa Clara Herrmann, Leiterin der JUNGEN AKADEMIE. „Da geht es um Freiheit, Vertrauen, Inklusion und vieles mehr. In informellen Räumen, ohne ökonomischen Druck, entsteht dabei viel Neues. Das könnten Modelle für Innovationen in anderen Feldern sein.“

„In der Geschichte war der Innovationsbegriff eigentlich immer an Wachstum gekoppelt", wies schließlich Prof. Dr. Sascha Friesike, Direktor des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft, auf einen Umdenkprozess hin, der insbesondere im Kulturbereich stattfinde. „Mittlerweile denken viele kritisch über diesen vermeintlich zwangsläufigen Zusammenhang nach: Können wir nicht auch neue, innovative Dinge machen, die einen sozialen oder auch künstlerischen Wert haben – und nicht zu wirtschaftlichem Wachstum führen?“

Sabine Schormann

Sowohl in der Kunst als auch überall sonst müssen wir, um Innovation zu ermöglichen, Menschen miteinander vernetzen und Diskurs herstellen."

Dr. Sabine SchormannGeneraldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbh

 

Kontroverse Debatten in vier „Innovationsduellen“

Neben den beiden Diskussionen waren es vor allem die vier Innovationsduelle, in denen an beiden Tagen – ganz im Sinne des Formats – aus jeweils zwei Perspektiven um den Innovationsbegriff, Meinungen und Lösungswege gerungen wurde. Unter dem Titel „Vertrauen vs. Kontrolle“ ging es im ersten Duell zwischen Dr. Christoph Peylo und Prof. Dr. Jeanette Hofmann um das Thema Künstliche Intelligenz – und die Kernfrage, ob diese unser Leben erleichtert oder eher eine Bedrohung für unsere digitale Integrität darstellt.

„Bei der Frage nach Regulierung von KI sollte man genau auf die konkreten Anwendungen schauen statt nur auf die Technologien“, sagte der Leiter des Bosch Center for Artificial Intelligence Dr. Christoph Peylo. „Denn die Anwendungen sind am Ende entscheidend, wie und wo wir die Menschen womöglich schützen müssen." Prof. Dr. Jeanette Hofmann, Forschungsdirektorin am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, betonte, dass es bei Unsicherheiten im Umgang mit KI viel um fehlende Gewöhnung gehe. Gerade deshalb aber sei das Gestaltungsfenster aktuell so groß: „Heute ist der Punkt, an dem wir viel Energie investieren sollten, um über diese Fragen nachzudenken.“

Christopher Peylo und Jeanette Hofmann

BMBF / Bildkraftwerk / Kurc

Im Innovationsduell „Nachhaltigkeit vs. Konsum“ vertrat Prof. Dr. Niko Paech, einer der Vordenker der Postwachstumstheorie, die provokante These, dass es generell kein nachhaltiges Wachstum gebe. „Unsere einzige Chance ist es, mit dem Wachstums-Dogma zu brechen“, so Prof. Paech. Dr. Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoor-Sportausstatters VAUDE, hielt dagegen: „Nachhaltigkeit und Wachstum schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Man kann nur zu Nachhaltigkeit hin transformieren, wenn man in der Produktion eine gewisse Größe erreicht. Es muss einen Wettbewerb der Besseren geben.“

Offen sein und voneinander lernen

Am zweiten Tag hieß es dann zunächst „Start-up-Kultur vs. Familienunternehmen“. Dabei wurde im Laufe der Diskussion deutlich, wie viel diese miteinander verbindet. „Auch Familienunternehmen müssen immer die Augen und Ohren offenhalten, was da draußen passiert – auf den Markt schauen, auf die Konkurrenz und auch, was in der Start-up-Welt passiert“, sagte Sarna Röser, designierte Nachfolgerin eines Familienunternehmens und Bundesvorsitzende des Verbands Die Jungen Unternehmer. Ihr Fazit: „Von den Start-ups können gerade KMUs viel lernen.“ Für ihre Gesprächspartnerin Dr. Antje Venjakob, Mitgründerin des Technologie-Start-ups oculid, können sich Start-ups umgekehrt von Familienunternehmen etwas abgucken – nämlich, „dass jede und jeder Einzelne das Gefühl hat, etwas Wichtiges zum Erfolg beizutragen, einen Ort findet im Unternehmen und sich wertgeschätzt fühlt“.

„Umbruch vs. Weiterentwicklung“ hieß es schließlich im letzten Innovationsduell. In Sachen Disruption habe Deutschland noch Nachholbedarf, sagte Dr. Amel Karboul, CEO des Education Outcomes Fund (EOF) und ehemalige Ministerin für Tourismus in Tunesien. Das liege auch an mangelnder Offenheit: „Deutschland und allgemein die ganze westliche Welt sollte grundsätzlich offener sein für Innovationen aus anderen Teilen der Welt“, meinte Karboul. Es herrsche leider manchmal eine gewisse Überheblichkeit gegenüber Ideen aus Gegenden oder von Menschen, von denen man dies vielleicht nicht unbedingt erwarte, findet sie.

„Risiko ist nicht alles“, hielt ihre Kontrahentin in diesem Duell, Prof. Dr. Uta Wilkens dagegen. Wilkens leitet den Lehrstuhl Arbeit, Personal und Führung an der Ruhr-Universität Bochum. Dies gelte umso mehr, je größer ein Unternehmen sei: „Da kann man Großunternehmen nicht mit Start-ups vergleichen. Um die Zukunft eines Unternehmens nicht zu verspielen, ist weder zu viel noch zu wenig Risikobereitschaft gut.“

Amel Karboul

Deutschland und allgemein die ganze westliche Welt sollte grundsätzlich offener sein für Innovationen aus anderen Teilen der Welt.“

Dr. Amel KarboulCEO des Education Outcomes Fund (EOF)

Barcamps, Webinare – und ein besonders innovativer Schulleiter 

Intensiv debattiert wurde während der Zukunftsarena nicht nur in den Diskussionen und Innovationsduellen, sondern auch in zahlreichen weiteren Formaten. So waren zu einem digitalen Barcamp, das mit einer Keynote von Ali Mahlodji eingeleitet wurde, alle Menschen eingeladen, die sich mit dem Thema Innovation und Diversity auseinandersetzen wollten. Im Sinne des Barcamp-Konzepts machten hier die Teilnehmenden selbst die Diskussions-Angebote in Form von „Sessions“ – ob Vortrag, Fragestellung oder gemeinsame Ideenentwicklung spielte dabei keine Rolle.

Darüber hinaus konnten die virtuellen Besucherinnen und Besucher der Zukunftsarena den BMBF-Wettbewerb „Gesellschaft der Ideen“ für Soziale Innovationen kennenlernen – und sich an einem Innovationsbarometer beteiligen. Der Wettbewerb fördert Soziale Innovationen und starke Ideen, die genau dort ansetzen, wo die Bedarfe entstehen: in der Mitte der Gesellschaft.

In einem spannenden Q&A stellte sich der Hamburger Schulleiter Björn Lengwenus den zahlreichen Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Lengwenus möchte mitten in einem benachteiligten Stadtteil ein Klima schaffen, das „freie Gedanken, verrückte Ideen und auch mal Verstörendes“ erlaubt. Dafür entwickelte er eine Schach-Software namens „Fritz und Fertig“, organisierte mehrere Tanz-Projekte und führte an der Schule das Fach LebensArt ein. Während der Corona-bedingten Schulschließungen realisierte er für seine Schülerinnen und Schüler eine interaktive Late-Night-Show, die jeden Abend via YouTube live auf Sendung ging. „Wir müssen Schulen zu Bildungspalästen machen“, sagte Lengwenus. „Dazu brauchen wir großartige Lehrerinnen und Lehrer, kreative Ideen, optimale Ausstattung und einen Mix an Professionen.“ Komplett auf digitalen Unterricht umzustellen, sei hierbei keine Option für ihn: „Der menschliche Kontakt, das Klopfen auf die Schulter, gemeinsam zu feiern, der echte Applaus bei Schulaufführungen – das ist es, was Schülerinnen und Schüler wachsen lässt. Zwischen Laptop und Lagerfeuer: Da liegt die Wahrheit!“

Björn Lengwenus

Wir müssen Schulen zu Bildungspalästen machen. Dazu brauchen wir großartige Lehrerinnen und Lehrer, kreative Ideen, optimale Ausstattung und einen Mix an Professionen.“

Björn LengwenusSchulleiter der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg

Parallel zum Programm auf der Hauptbühne luden außerdem an beiden Tagen die Kooperationspartner der Zukunftsarena zu einem vielfältigen Programm ein. Neben Diskussionen, Vorträgen und Workshops waren unter anderem Schülerinnen und Schüler zu einem (bis auf den letzten Platz ausgebuchten) Webinar zum Thema „Zukunft der Umwelt“ eingeladen. Und der erste Tag der Zukunftsarena schloss auf der Partnerbühne mit einem kurzweiligen ScienceSlam. Partner der Zukunftsarena waren die IdeenExpo, das Futurium, Land der Ideen, Dark Horse, SEND e. V., JOINT GENERATIONS, das Warm Data Lab vom Museum der Werte sowie das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe.